rbb24
  1. rbb|24
  2. Panorama
Quelle: dpa/Steffen Trumpf

Gefährlich aber legal

Wenn Raubkatzen und Krokodile in Brandenburger Gärten leben

In Brandenburg ist die Haltung exotischer Wildtiere auf privaten Grundstücken legal, doch manche Halter sind mit ihren Raubkatzen oder Reptilien überfordert. Tierschützer fordern deshalb strengere Regeln. Von Roberto Jurkschat

Die Pranken schlagen gegen ein schmales Gitter, das den Tiger von Constanze Mattes trennt. Mit einer Zange schiebt die Biologin ein Stück Rindfleisch durch die Stäbe. Kurz sind Zähne zu sehen, lang wie Kugelschreiber, dann ist der Happen verschwunden.

Tiger Diego, der vor acht Jahren als Baby in das Artenschutzzentrum Felidae nach Bernau gekommen ist, ist erwachsen. 250 Kilo schwer, mehr als zwei Meter lang. Die Zeiten, in denen die Biologin Mattes für die Fütterung in Diegos Gehege geganen ist, sind lange vorbei. "Wir könnten dabei verletzt oder getötet werden", sagt sie im Gespräch mit rbb|24.

Endgültiges Laborergebnis

Löwin von Kleinmachnow war zu 100 Prozent ein Wildschwein

Schon früh äußerten Wildtierexperten die Vermutung: Die angebliche Löwin in den Wäldern südlich von Berlin ist ein Wildschwein. Erste Auswertungen von Haar- und Kotproben erhärteten diesen Verdacht - und jetzt herrscht tatsächlich Gewissheit.

Wo Diego herkommt, ist bis heute ungewiss: Im Jahr 2015 wurde er in einem Karton vor dem Haus der Tierärztin Doris Tesch in Bernau (Barnim) ausgesetzt. Die Veterinärin päppelte das Jungtier auf und brachte es zur nahegelegenen Wildkatzenauffangstation Felidae, wo bereits 65 Tiere untergebracht sind. Dass Diego von einem privaten Tierhalter ausgesetzt wurde, hält Mattes für unwahrscheinlich: "Wir glauben, dass er eher von einem Zirkus auf der Durchreise ausgesetzt wurde."

Doch so abwegig die Vorstellung eines Tigers im Garten klingen mag: Verboten ist die private Haltung exotischer Tiere in Brandenburg nicht. Eine Gefahrentierverordnung wie in Berlin und in sieben weiteren Bundesländern, wo Giftschlangen, Krokodile, Bären oder Raubkatzen in privater Hand verboten sind, gibt es hier nicht.

Die vermeintliche Löwin von Kleinmachnow mag am Ende nur ein Wildschwein gewesen sein. Die Frage, ob es außer Zoos und Zirkussen in Brandenburg tatsächlich Menschen gibt, die Raubkatzen auf ihren Grundstücken halten, ist damit noch nicht beantwortet.

Rekonstruktion der Geschichte

Die Löwin von Kleinmachnow - oder wie eine Wildsau durchs Dorf getrieben wurde

Etwa 30 Stunden lang wurde in Kleinmachnow nach einer Löwin gesucht, hunderte Polizisten waren im Einsatz, weltweit wurde berichtet. Am Ende soll das Raubtier ein Wildschwein gewesen sein. John Hennig rekonstruiert die Suche nach einem Phantom.

Krokodile, Bären und Raubkatzen bei "anderen Haltern"

Belastbare Informationen darüber zu bekommen, ist schwer: Ein Sprecher des Landesumweltamtes erklärte rbbl24, in Brandenburg seien derzeit 13 lebende Löwen angemeldet. Wie viele davon privat gehalten werden, erfasse die Behörde nicht, weil diese Frage artenschutzrechtlich nicht relevant sei. Allerdings ließen Angaben der Tierhalter bei der Anmeldung in vielen Fällen auf ein Zoo oder einen Zirkus schließen.

Rechne man diese Fälle heraus, so der Sprecher, blieben die Tiere bei "anderen Haltern" übrig: In der Kategorie seien aktuell zehn Krokodile und Alligatoren, zehn Braunbären, zwei Pumas, ein Gepard, drei Löwen und vier Tiger angemeldet. Diese Zahlen seien als "ungefähre Orientierung" zu verstehen.

Anschauen auf Youtube: Raubtiere und Krokodile im Garten halten: Gefährlich aber legal

Einige private Halter mit Servalen überfordert

Nach der Erfahrung der Biologin Mattes von der Wildtierauffangstation Felidae sind in Brandenburg allerdings nicht Tiger oder Löwen in privater Haltung beliebt, sondern eher kleinere Raubkatzen wie Servale, die etwa 80 Zentimeter lang und zehn Kilo schwer werden können. "Zu Servalen erreichen uns hier häufiger Anfragen", sagt Mattes. "Diese Tiere können mit der normalen Hauskatze zur Savannakatze gezüchtet werden und da stellen wir schon immer wieder mal fest, dass die Halter mit diesen Tieren überfordert sind."

Laut Mattes werden Servale aber nicht nur von privaten Tierhaltern abgegeben: Manchmal bringe der Zoll beschlagnahmte Exemplare in die Auffangstation, wenn die Besitzer etwa keinen Nachweis über die legale Herkunft der Tiere vorlegen können. Solche Dokumente sieht das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) vor [lfu.brandenburg.de]. Im Kern geht es dabei um den Nachweis, dass geschützte Tiere von Züchtern stammen - und nicht aus der freien Wildbahn, wo die Populationen bedroht sind. Andere Exemplare seien im Freien gefunden worden, nachdem sie aus der privaten Haltung entflohen waren.

"Einen Serval zu halten, das kann gut gehen", sagt Mattes. "Aber man muss sich darauf einstellen, dass man solchen Tieren unter Umständen ein sehr großes Gehege bieten muss." Die Auflagen für die Gehegegröße sei gesetzlich geregelt, so Mattes, größere Gehege müssten zudem von den Bauämtern genehmigt werden. "Außerdem kostet das alles viel Geld und viel Expertise. Leider ist es oft nicht so, dass die Leute sich vorher belesen."

Nach Löwensuche in Brandenburg

Tierschutzverband will strengere Regeln für Haltung gefährlicher Tiere

Wissen über Wildtiere bei privaten Haltern nicht gefordert

Einen sogenannten Sachkundenachweis, für den Tierhalter beim Veterinäramt ihr Fachwissen und ihre Verlässlichkeit nachweisen müssen, brauchen in Brandenburg nur Gewerbetreibende.

Eine Prüfung, ob sich private Besitzer mit den exotischen Tieren in ihren Häusern oder Gärten auskennen, gehört nicht zu den Aufgaben der Veterinäramter in Brandenburg. Deshalb plädieren Tierschützer schon lange für strengere Regeln.

Brandenburgs Landestierschutzbeaufragte Anne Zinke erklärte rbb|24, sie lehne die private Haltung exotischer Tiere grundsätzlich ab. "Den Bedürfnissen nach Bewegung, Ernährung, Pflege und Unterbringung von Tieren gerecht zu werden ist immer eine große Herausforderung, für die spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten notwendig sind." Viele exotische Wildtiere hätten einen hohen Bewegungsanspruch und seien mitunter noch nicht ausreichend erforscht. "Jegliche Wildtiere gehören daher in die Natur und sollten, wenn überhaupt, nur zum Zwecke des Artenschutzes oder aus gesundheitlichen Gründen oder Gründen des Tierschutzes gehalten werden."

Züchter vermutet 50 Krokodilhalter in Brandenburg

Dass private Halter sich vor allem mit gefährlichen Tieren auskennen sollten, findet auch der Krokodilzüchter Karl-Heinz Voigt. In Golzow (Potsdam-Mittelmark) hat Voigt in seinem Garten ein Gewächshaus aufwändig und mit Liebe zum Detail zu einem Terrarium umgebaut und führt dort auf Anfrage Besucher durch seine "Krokodilstation" mit 14 Exemplaren.

Voigt ist Mitglied in der bundesweiten "AG Krokodil", in der sich auch zahlreiche private Besitzer von Krokodilen, Alligatoren und Kaimanen vernetzen. Er schätzt, dass allein in Brandenburg 50 private Krokodilhalter leben, bundesweit nochmal deutlich mehr. In der Regel wüssten diese auch über die Tiere Bescheid, "schwarze Schafe" gebe es allerdings auch, so Voigt. "Krokodile und Kaimane sind relativ pflegeleicht, müssen nicht täglich gefüttert werden und sind sehr robust. Aber den Tieren käme es zugute, wenn auch die privaten Halter eine Sachkunde haben müssten", sagt Voigt. Eine Gefahrentierverordnung für Brandenburg, die die private Haltung von Krokodilen grundsätzlich verbieten würde, lehne er allerdings ab.

Vermeintliche Löwin

Innenminister Stübgen verteidigt aufwändige Wildtiersuche in Kleinmachnow

Tierschützer fordern Positivliste und einheitliche Regeln

Die Meinungen über die notwendigen Regeln für die Wildtierhaltung gehen bei Tierschützern und Besitzern oft auseinander. Halter machen Probleme vor allem bei der illegalen Haltung aus und verweisen auf die geltenden Auflagen in Brandenburg, die abgesehen von einem Sachkundenachweis gelten. Zum Beispiel muss die private Haltung besonders geschützter Tierarten beim Landesumweltamt angezeigt werden und Halter müssen nach Tierschutzgesetz außerdem sicherstellen, Tiere grundsätzlich ihrer Art entsprechend zu halten, zu pflegen und unterzubringen.

Vielen Tierschützern dagegen gehen die Regeln nicht weit genug, sie sprechen sich für restriktivere Gesetze aus. Nadine Ronco-Alarcon von der Organisation Vier Pfoten sagte rbbl24, sie plädiere dafür, die private Haltung exotischer und gefährlicher Tiere in Brandenburg zu beschränken - auch aus Sicherheitsgründen. "Wir erleben es immer wieder, dass gefährliche Tiere in privater Hand zu einem Sicherheitsrisiko werden können." Das betreffe insbesondere die Haltung von Reptilien. "Erst vor wenigen Wochen wurde uns eine große Würgeschlange gemeldet, eine Boa Constrictor, die in einer zugetackerten Aldi-Tüte in der Nähe eines Spielplatzes gefunden wurde. Im Saarland wurden uns in einem Hausmülltonne giftige Hornvipern gemeldet." Ein Grund dafür sieht Ronco-Alarcon in der Überforderung der Halter. "Die mündet nicht nur Tierquälerei, sondern ist auch ein Sicherheitsproblem."

Die Organisation Vier Pfoten und andere Tierschutzorganisationen sprechen sich neben Gefahrentierverordnungen auf Bundesebene auch für eine sogenannte Positivliste aus. Jedes Tier, das nicht auf der Positivliste steht, dürfte dann nicht mehr privat gehalten werden. In Frankreich, Belgien und die Niederlande gibt es solche Listen bereits.

Sendung: rbb24, 20.09.2023, 21:45 Uhr

Beitrag von Roberto Jurkschat

Artikel im mobilen Angebot lesen