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Audio: rbb24 Inforadio | 05.08.2023 | Nachrichten | Quelle: imago images/Matthias Koch

Analyse | Herthas Niederlage gegen Wiesbaden

Wie ein schlechter Film

Hertha BSC verliert auch das zweite Saisonspiel und legt einen Fehlstart hin. Die Heimniederlage gegen Aufsteiger Wehen Wiesbaden hat erneut klar aufgezeigt, woran es den Berlinern mangelt. Es sind Probleme, die nicht nur mit Geduld zu lösen sind. Von Marc Schwitzky

Unter Hertha-Fans gibt es einen Running Gag, vor allem wegen des liebgewonnenen Rituals und der freudig-gewohnten Atmosphäre ins Olympiastadion zu gehen. "Ick komme wegen die Leute." Vor dem Anpfiff mit fremden, aber doch so vertrauten Mitstreitenden angeregt in der S-Bahn diskutieren, am Stadion mit Bier und Bratwurst ausgestattet mit den Freunden flachsen, nach Schlusspfiff noch gemeinsam in die Berliner Nacht ausschwärmen. Ach ja, dazwischen wird Fußball gespielt, das meistens aber so unerfolgreich, dass man es lieber unter den Tisch fallen lässt.

So auch beim ersten Heimspiel der neuen Saison, am Freitagabend gegen den SV Wehen Wiesbaden. Nach Tagen des Unwetters putzte sich die Berliner Sonne pünktlich heraus und hüllte das Olympiastadion in ein goldenes Kleid. Alles war angerichtet, um nach der Auftaktniederlage in Düsseldorf die Saison nun wirklich beginnen zu lassen. Doch dann wurde Fußball gespielt. Wie so oft unerfolgreich.

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Mehr Arthouse als Blockbuster

Dabei wollte Hertha-Trainer Pal Dardai gegen Wiesbaden "richtig offensiv" spielen. "Wir werden den Gegner stressen ohne Ende. Du musst den Gegner müde machen, dann hast du später mehr Raum", kündigte der Ungar an. Herthas Fans stellten sich also auf einen launigen Sommer-Blockbuster ein. Sowas wie "Independence Day" oder "Ghostbusters": Viel Action, eher flache Story, ein kurzweiliges Vergnügen.

Was die Zuschauenden jedoch bekamen, war ein fünfstündiger, französischer Arthouse-Film: zäh, kompliziert, ohne große Höhen wie Tiefen, wenig fürs Auge. Und am Ende hat man die Idee dahinter nicht wirklich verstanden. Das zeichnete sich bereits nach wenigen Minuten ab, denn die Berliner Hausherren begannen zwar recht forsch, mehr als ein optisches Übergewicht gelang ihnen jedoch äußerst selten.

Dardai schickte bis auf die verletzungsbedingt neue rechte Seite mit Jonjoe Kenny und Palko Dardai dieselbe Elf auf den Platz wie gegen Fortuna Düsseldorf. Es ergaben sich jedoch auch dieselben spielerischen Probleme wie vor einer Woche. Hertha gelangen in Halbzeit eins nur sechs Schüsse, von denen lediglich einer direkt auf das gegnerische Tor ging.

Hertha findet die innere Mitte nicht

Herthas fehlende Torgefahr ergab sich erneut aus dem zu durchsichtigen Angriffsplan. Nach wie vor haben die Blau-Weißen ein eklatantes, personelles Problem im Mittelfeldzentrum. Weder Marton Dardai noch Pascal Klemens sind der benötigte Verbindungsspieler, der mit Dynamik und großem Aktionsradius die verschiedenen Mannschaftsteile verknotet und dazu noch Torgefahr ausstrahlt. Zwar ließ sich Marco Richter, der erneut etwas hinter der Sturmspitze agierte, im ersten Durchgang im Vergleich zur Vorwoche etwas tiefer fallen, um mehr Bälle zu erhalten, doch die große Wirkung blieb aus.

So liefen bei Hertha erneut sämtliche Angriffe über die Außenbahnen. Da Gegner Wiesbaden mit einer Dreierkette und jeweils nur einem Flügelspieler agierte, hatten die Berliner die numerische Überlegenheit auf den Außen – Zählbares konnten sie jedoch nicht daraus schlagen. Die schnöde Flanke war das Mittel der Wahl, um Herthas Angreifer zu füttern. Doch zum einen ist das bei gleich drei gegnerischen Innenverteidigern eine denkbar schlechte Idee und zum anderen brachte die Mannschaft nie genug Spieler in den Strafraum, um die Flanken entgegenzunehmen.

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Herthas Offensive als "U"

Hertha war jedoch auf die hohen Hereingaben angewiesen, da sonst nichts funktionieren wollte. Im flachen Kombinationsspiel fehlte es deutlich an Präzision und genügend Bewegung potenzieller Anspielstationen. Richter stand zu oft in toten Räumen, Dardai und Klemens spielten nicht hoch genug, um den Zehnerraum zu füllen. So ergab sich im Angriffsspiel schon beinahe ein "U": Vom linken Flügelspieler zurück auf die Doppelsechs, rüber auf rechts – und das ganze nochmal.

Da jedoch auch Herthas Flankenqualität (21 Prozent kamen an) zu wünschen übrig ließ, fehlte es insgesamt an Durchschlagskraft und überraschenden Momenten. Das Problem zog sich bis tief in die zweite Halbzeit.

Einsatz und Kampf stimmen

Gegen den Ball arbeiteten die Hauptstädter erneut sehr diszipliniert. Hier hat Trainer Dardai seine Handschrift bereits deutlich verewigt. Wie schon in Düsseldorf war Hertha der Einsatz und Kampf keinesfalls abzusprechen, die Lauf- und Zweikampfwerte stimmten. Nun ist das jedoch das Einfachste beziehungsweise Elementarste im Fußball. Zumal Aufsteiger Wiesbaden mit seinen kargen spielerischen Mitteln dennoch etwas zu oft Gefahr entwickeln durfte.

Den Sieg erzwingen wollte jedoch Hertha, weshalb Dardai im Verlauf gleich mehrmals offensiv wechselte und seine Spieler in der Schlussviertelstunde deutlich höher angreifen ließ. Hertha drängte Wiesbaden in die eigene Hälfte. Doch aufgrund der Berliner Einfallslosigkeit störten sich die Hessen gar nicht an diesem Umstand. Viel eher lud es den Aufsteiger zu Umschaltmomenten ein, die Hertha-Abwehrchef Toni Leistner immer wieder entschärfen musste.

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Eine humoristische Endnote

Alle Bemühungen von Dardai sollten nicht helfen: Bis auf einen geblockten Schuss von Smail Prevljak und einen Lattentreffer von Haris Tabakovic gelang Hertha bis zum Schlusspfiff offensiv viel zu wenig. Kein Blockbuster, sondern der angesprochene Arthouse-Streifen, der seiner anstrengenden Handlung den möglichst lethargischen Schlusspunkt setzte: In der 92. Minute erzielte Wiesbadens Lasse Günther per sehenswertem Distanzschuss den 1:0-Siegtreffer der Gäste. Dass der Schuss erst beide Pfosten küssen musste, um über die Linie zu rollen, gab dem Film zumindest eine humoristische Endnote. Und doch verfielen alle Herthaner Spieler und Fans nach dem Gegentreffer in die nur zu bekannte Schockstarre. Der "Das darf doch nicht wahr sein-Moment" in Endlosschleife.

Angst vor dem Horrorfilm

Doch die Binsenweisheit daraus ist: Im Fußball – ob Liga eins oder zwei – kassiert man nun mal Gegentore. Das Problem ist nur, dass Hertha in nun zwei Ligaspielen selbst noch keinen Treffer erzielt hat, um jene Gegentore verkraften zu können. Die spielerischen Mängel sind bei allem erkennbaren Einsatz zu groß, als dass Hertha Siege erzwingen kann. Bis auf Flanken und Zufallsprodukte ist bislang nicht klar, wie die Berliner Tore erzielen wollen. Das hat sicherlich mit dem erneut großen Umbruch zu tun, der schlicht Zeit braucht.

Das personelle Problem im Zentrum ist jedoch nicht mit Geduld zu lösen und muss dringend angegangen werden. Sonst bleibt es bei einem sich fortsetzenden Fehlstart bald nicht einmal mehr beim netten Drumherum der Hertha-Spiele. Der Klub beherrscht neben Arthouse nämlich auch das Genre Horrorfilm bestens. Regisseur Pal Dardai ist gefragt, das Beste aus dem neuen Ensemble herauszuholen.

Sendung: rbb24 Inforadio, 05.08.2023, 09:15 Uhr

Beitrag von Marc Schwitzky

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