rbb24 Inforadio | 20.02.2025 | Barbara Behrendt | Quelle: Radu Jude/ROU 2025
Berlinale-Wettbewerb | "Kontinental '25"
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint
Der rumänische Filmemacher Radu Jude hat bei der Berlinale schon den Silbernen und den Goldenen Bären gewonnen. Jetzt ist er zurück: "Kontinental ´25" ist eine herrliche Satire auf unser aller Doppelmoral. Von Barbara Behrendt
regie / termine
Radu Jude
Dass Radu Jude seinen Humor nicht verloren hat, merkt man schon nach fünf Minuten. Bis dahin haben wir einen fluchenden Wohnungslosen beim Flaschensammeln im sonnigen Herbstwald beobachtet. Da wütet plötzlich ein gigantischer Dinosaurier neben dem völlig unbeeindruckten Mann. Kein Fantasy-Element: Der Dino-Park scheint ein Versuch der westrumänischen Stadt Klausenburg (rumänisch: Cluj-Napoca), den Wald attraktiv zu machen.
Später wird die Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) das Lager des Mannes im Heizungskeller räumen lassen, woraufhin der sich erhängt. Orsolya findet seine Leiche und kommt nicht über ihr schlechtes Gewissen hinweg. In einem skurrilen Stationendrama, mit der Handykamera gefilmt, sucht Orsolya Absolution – doch keiner kann ihr helfen: Ihre ungarische Mutter hetzt lieber über die Rumänen und preist Orbans Faschismus; der Pfarrer gibt gute Ratschläge, nachdem er gerade einem Kind angedroht hat, ihm die Beine zu brechen.
Herrliche Satire auf Doppelmoral der westlichen Welt
Am offensichtlichsten wird der moralische Pragmatismus im komisch-absurden Gespräch mit Orsolyas Bekannter. Die fühlt sich wie Mutter Theresa, weil sie eine arme Roma-Familie über eine hippe NGO mit Geld unterstützt – dem lästigen, stinkenden Penner vor ihrer Haustür hat sie aber auch bei minus 18 Grad keine Decke angeboten. Orsolya hingegen beruhigt sich damit, jeden Monat zwei Euro über ihren Mobilfunkvertrag an Hilfsprojekte zu spenden. Wer da nicht in den Himmel kommt …
Radu Judes kluger neuer Film "Kontinental '25" ist eine herrliche Satire auf die Doppelmoral der westlichen Welt, die wunderbar sarkastisch den Nationalismus Rumäniens aufspießt – etwa, wenn der Fahrradkurier ein leuchtendes "Ich bin Rumäne"-Schild auf dem Rücken trägt, damit die Autos Rücksicht nehmen. Dieser junge Fahrradkurier, ein früherer Student in Orsolyas Justiz-Seminar, kann einen Zen-Spruch nach dem nächsten aufsagen – statt zur Erleuchtung bringt er Orsolya dann aber zum Orgasmus. Und immerhin das scheint ein wenig die schlechten Gefühle zu vertreiben – während Orsolyas Mann und Kinder ohne sie Urlaub in Griechenland machen müssen. Mama hat schließlich gerade Stress bei der Arbeit.
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Eine Laterne wie ein Hitlerbärtchen
Immer wieder hält Radu Jude das Stadtbild Klausenburgs augenzwinkernd politisch fest. Die Straßenlaterne wirkt aus dem gewählten Kamerawinkel wie ein Hitlerbärtchen des Kandidaten auf dem Wahlplakat. Verfallene Ruinen stehen Dach an Dach mit Luxushotels.
Armut, Faschismus, Rassismus, Heuschrecken-Kapitalismus im postsozialistischen Osteuropa – all diese Themen schwingen mit in Judes neuem, gesellschaftspolitisch hochaktuellen Film. Mit der Ungarin Orsolya fließt außerdem die Diskriminierung der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen ein und die bewegte Geschichte um Grenzen und Zugehörigkeiten dieser Region.
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Und nicht zuletzt ist "Kontinental '25" eine Hommage an Roberto Rossellinis "Europa '51". Auch darin sucht eine Frau einen Weg aus ihrem moralischen Dilemma – allerdings mit mehr Erfolg. Zwar ist "Kontinental '25" längst nicht so experimentell, so überbordend und ästhetisch ausgefallen wie Judes Goldener-Bären-Gewinner "Bad Luck Banging or Loony Porn" aus dem Jahr 2021 – ein bitterböses Tragikomödien-Highlight im Wettbewerb ist er aber unbedingt.