Sorgen wegen Ukraine-Krieg
Sechs von zehn Menschen in Brandenburg sind laut dem aktuellen BrandenburgTrend des rbb wegen möglicher Energieengpässe infolge des Ukraine-Kriegs besorgt. Viele fürchten sich vor der nächsten Nebenkostenabrechnung. Von Amelie Ernst
"Wehe, der Putin dreht uns den Gashahn zu. Frieren – geht gar nicht", findet Rentner Dieter Riebe. Der 70-Jährige sitzt auf einer Bank vor dem Bürgerhaus im Potsdamer Stadtteil Schlaatz. Neben sich zwei volle Einkaufstüten, an der Leine Terriermischling Frido. Noch komme er mit seiner Rente einigermaßen über die Runden, so Riebe. Aber die nächste Nebenkostenabrechnung könne "brutal" werden.
So wie Riebe fürchten laut aktuellem BrandenburgTrend des rbb mehr als die Hälfte der befragten Brandenburgerinnen und Brandenburger steigende Energiepreise und eine Verschlechterung ihrer persönlichen Situation. Er habe schon gemerkt, dass manches teurer geworden sei, so Riebe. Trotzdem horte er jetzt weder Sonnenblumenöl noch Mehl. "Aber die Ungarische (Salami), die muss sein!" – Riebe zeigt auf ein Wurstpaket in einer der Tüten.
Auch in der Brandenburger Wirtschaft gibt es inzwischen erste "Hamsterkäufe". Ralph Bührig, der Hauptgeschäftsführer der Potsdamer Handwerkskammer, nennt die lieber "Vorratskäufe". Statt um Öl und Mehl geht es bei den Betrieben vor allem um wichtige Ersatzteile und Baumaterialien. "Da gibt es dann zum Beispiel den Dachdeckerbetrieb, der den Auftrag hat, in einem Vierteljahr ein Dach zu decken. Dass der schon mal schaut, dass er die Dachziegel dann auch wirklich parat hat, um den Auftrag erfüllen zu können". Das liege nahe und sei auch sinnvoll. Schwierig für viele Betriebe seien auch die langfristigen Verträge und Fixpreise, die nun auf steigende Einkaufspreise stießen. Und über allem die Sorge vor einem Gas-Lieferstopp oder einem Embargo: So oder so seien die Auswirkungen massiv.
Dabei schätzt die Handwerkerschaft im Kammerbezirk Westbrandenburg die Geschäftslage grundsätzlich gut ein – die Auftragsbücher seien voll, so Bührig. Und die Zahl der Auszubildenden sei so hoch wie lange nicht. Doch der Post-Corona-Optimismus werde nun durch den Krieg getrübt. Zu Unsicherheit und steigenden Preisen kämen Lieferprobleme: Ukrainische Firmen fielen beispielsweise als Stahl- und Kunststofflieferanten aus – auch das bekämen hiesige Handwerksbetriebe zu spüren und müssten nach Alternativen suchen. Sogar Tauschgeschäfte wie zu DDR-Zeiten kämen wieder vor: "Gibst du mir die Lichtschalter, dann gebe ich dir die Steckdosen" – eine Folge der Lieferengpässe.
Die sozialen Folgen des Ukraine-Krieges erleben die Menschen im Potsdamer Stadtteil Schlaatz täglich: Quer gegenüber vom Bürgerhaus befindet sich die "Schatztruhe" der Arbeiterwohlfahrt. Wer wenig Geld hat, der kann sich hier gespendete Kleidung, Spielzeug oder Haushaltswaren abholen. Wegen der vielen Geflüchteten aus der Ukraine wurden die Öffnungszeiten bereits verlängert – nicht selten bilden sich Schlangen vor dem Laden. Auch Kristin kommt manchmal hierher, "meist wegen der Kleinen". Ihre vierjährige Tochter brauche immer mal wieder eine Hose oder ein Shirt. "Da sind noch schicke Sachen dabei." Dass im Laden jetzt öfter Russisch und Ukrainisch gesprochen wird, damit hat die 33-Jährige kein Problem. „Wahrscheinlich würde ich auch weggehen, in so ner Lage. Will ich mir aber nicht vorstellen.“
Laut BrandenburgTrend befürchten 40 Prozent der knapp 1.200 Befragten, dass Brandenburg mit der Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine überfordert sein könnte. Eine Mehrheit (58 Prozent) dagegen sieht das nicht als Problem. Wirklich Angst haben viele auch im Schlaatz eher vor einer Ausweitung des Krieges Richtung Westen. "Wenn Putin das macht, dann hätte er die halbe Welt gegen sich", meint Rentner Dieter Riebe. "Aber zuzutrauen ist dem alles."
Sendung: Brandenburg Aktuell, 27.04.2022, 19:30 Uhr
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