Sonderausstellung im DDR-Museum - Die Ostsee als Sehnsuchtsort und schwer bewachte Außengrenze

Mi 24.07.24 | 16:51 Uhr | Von Mira Schrems
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Wachturm an der Ostsee am 01.01.1989. (Quelle: IMAGO/Heiko Feddersen)
Audio: rbb24 Inforadio | 24.07.2024 | Mira Schrems | Bild: IMAGO/Heiko Feddersen

Für viele Menschen in der DDR war die Ostsee das beliebteste Reiseziel - unvergesslich besungen von Nina Hagen. Gleichzeitig war sie ein schwer bewachtes Grenzgebiet. Das DDR-Museum in Berlin widmet ihr eine Sonderausstellung. Von Mira Schrems

In der Vitrine des DDR-Museums in Berlin verblassen Nina Hagens Erinnerungen an den hochstehenden Sanddorn am Strand von Hiddensee nicht. All den von ihr im Schlager "Du hast den Farbfilm vergessen" von 1974 geäußerten Befürchtungen zum Trotz. Neben dem Original-Album von Nina Hagen & Automobil liegen ein paar Farbfilme der DDR-Marke Orwo drapiert.

Auch eine Reproduktion des Gemäldes "Am Strand" (1962) von Walter Womacka, einem der bekanntesten DDR-Künstler, hängt dort. Darauf betrachtet ein blonder junger Mann seine brünette Begleitung im roten Oberteil, beide kauern nebeneinander im Sand und berühren sich an den Händen. Im Hintergrund branden die Wellen der Ostsee.

Die Ausstellung

Vom 25.07. bis zum 31.03.2025 ist die Sonderausstellung "Die Ostsee" im DDR-Museum zu sehen.

Zur Eröffnung am Mittwoch (24.07.), um 18 Uhr gibt es einen Vortrag von Historiker Jan-Hinnerk Antons über die Bedeutung der Ostsee für die DDR. Die Veranstaltung lässt sich im Nachhinein auch auf Youtube nachschauen.

Die Ostsee – Sehnsuchtsort und zugleich Ende der Welt

"Die am häufigsten gedruckte Reproduktion der DDR", sagt Sören Marotz, der Ausstellungsleiter des DDR-Museums in Berlin-Mitte. Das Bild hätten sich die DDR-Bürger:innen in ihre Wohnzimmer gehängt, um den Mythos vom "Sehnsuchtsort Ostsee" zu bedienen.

Sehnsucht nach dem Meer gibt es nicht erst seit Neuestem zur Urlaubszeit, Caspar David Friedrich beispielsweise befasste sich bereits im 19. Jahrhundert damit. Die Deutschen wollten schon immer gerne ans Meer. Diese Sehnsucht sei in der DDR durch die Grenzsituation doppelt aufgeladen gewesen, sagt Sören Marotz. Für die DDR-Bürger:innen endete an der Ostseeküste nicht nur die DDR, sondern auch der für sie erreichbare und vor allem bereisbare Bereich.

Patrouillenflüge an der Außengrenze der DDR

Die Ostsee war allerdings nicht nur als Reiseziel wichtig für die DDR. Unter anderem durch den dortigen Fischfang war sie auch ein wichtiger Wirtschaftsstandort. Und entlang der Ostsee verlief im Rahmen des Warschauer Paktes die Außengrenze zur NATO, weswegen sie auch militärisch relevant war.

In der Ausstellung liegen, neben einer Sandburg aus feinstem Ostsee-Sand, ein Pilotenhelm und ein Druckanzug. Eine großformatige Fotografie aus dem Bestand des ehemaligen Piloten Frank Schröder hängt im Hintergrund: Ein Suchoi-"Su-22"-Jagdbomber der Nationalen Volksarmee (NVA) auf Patrouillenflug, nur wenige Hundert Meter über einem beliebten Badestrand der Halbinsel Mönchgut auf Rügen.

Schröder war vor 35 Jahren Pilot des in Laage-Kronskamp stationierten Geschwaders. Er sagt über seine Zeit an der Ostsee: "Wir sind dort Patrouille geflogen. Es ging vor allem eher um Übungen in extrem geringer Höhe. Wir haben dann auch den Einsatz von Waffen geprobt, nördlich von Usedom." Dort hätten zwei oder drei Wracks im Wasser gelegen, auf die sie Betonbomben geworfen hätten. An einen tatsächlichen Krieg habe er aber nie gedacht. "Das war mehr oder weniger Routine, Alltag", sagt Schröder.

Die Ostsee als Fluchtroute aus der DDR

Grenzschutz bedeutete in der DDR allerdings nicht nur die Verteidigung nach Außen, sondern auch das Verhindern von "Republikflucht". Nächtliche Strandbesuche an der Ostsee waren deswegen verboten.

Dennoch versuchten immer wieder DDR-Bürgerinnen und Bürger die Flucht übers Meer - in mehr oder weniger seetauglichen Booten, zum Teil sogar schwimmend. Mehr als 4.500 Menschen wurden beim Fluchtversuch über die Ostsee vom Grenzschutz abgefangen. Mindestens 170 DDR-Bürger:innen starben beim Ostsee-Fluchtversuch, mehr als 900 waren erfolgreich.

Und so war die Ostsee auch eine Fluchtroute, die einige Menschen aus der DDR hinaustrug. Für die meisten blieb die Ostsee aber vor allem eines: ein Sehnsuchtsort, für den man auch mal einen Farbfilm aufbrauchte - wenn man ihn nicht, wie Nina Hagens "Micha", vergessen hatte.

Sendung: rbb24 Inforadio, 23.07.2024, 18.55 Uhr

Beitrag von Mira Schrems

19 Kommentare

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  1. 19.

    Soll der Zweck etwa sein, dass man sich die Vergagenheit zurück wünscht?
    Die Ostdeutschen selber sind es doch, die ihre DDR etc, immer noch gerne thematisieren.

  2. 18.

    Nina Hagen war ausgebildet und hat den richtigen Plural benutzt. „Grenzschützer:innen“ soll ein Witz sein?

  3. 16.

    Nönö, das mit den Su-22 kommt schon hin, die sind in der Tat auch dort geflogen, die waren in Laage stationiert. Und Tiefflug stimmt auch, selber erlebt - wobei ich die Höhe nur schätzen konnte...
    Und bei einer Übernachtung im Strandkorb am Strand von Warnemünde bin ich auch mal nachts von der Volkspolizei erwischt worden...

  4. 15.

    Die Erinnerung an russische Gastfreundschaft mit Brot und Salz verklärt, dass Russland heute ohne Skrupel Völkerrecht bricht. Wobei diese Gastfreundschaft in der russischen Bevölkerung sicher noch vorhanden ist. Es ist die alternde Führung, die die Geschichte mit Gewalt zurückdrehen will. Vielleicht sollten Geheimdienstler einfach nicht regieren. Die Erinnerung an die Stasi sollte doch genügen.

  5. 14.

    "DIE" wussten. Hab mich nachts als Grenzer zu den Jugendlichen gesetzt und mit gefeiert. Nur die Oberen wussten nicht was die Mannschaften dachten und taten. Und nach der Wende führte mein erster Weg nicht nach Westen sondern nach Norden. Dänemark...

  6. 13.

    >“ Den alten Grenzturm in Kühlungsborn kenne ich. Weshalb der da stand, weiß ich nicht. Ev. Seebeobachtung?“
    Grenzbeobachtung zu Land und Wasser. Denn ab da fing der grenznehe Bereich an. Wenn sich da nachts jemand am Strand und in der Ostsee zu schaffen machte, war gleich Alarm. So landeten einige unbedarft Verliebte auf der Suche nach romantischem Abend am Strand schon mal in Grenzgewahrsam.
    Das war natürlich nicht die ganze Ostsee. Ich erinnere mich auch gerne an unbeschwerte Tage am Strand in Sellin und Binz in den Schulferien.

  7. 12.

    Da haben Sie ganz sicher recht. Je weiter westlich, umso mehr Kontrolle.
    Im Artikel ging es um die Ostsee als Ganzes als Sehnsuchtsort und natürlich sind wir auf Usedom, Rügen oder dem Darß in der Nacht baden gegangen. Meine gesamte Abiklasse ist sogar noch auf Poel nachts ins Wasser gesprungen. Weit und breit kein Grenzer.
    Den alten Grenzturm in Kühlungsborn kenne ich. Weshalb der da stand, weiß ich nicht. Ev. Seebeobachtung?!

  8. 11.

    "nächtliche Totalüberwachung"
    Da müssen sie was verwechseln das erste Smartphone kam erst 2007 auf den Markt.

  9. 10.

    "Der ganze Artikel ist ein wenig.. naja... komisch."
    Sie sagen es. Kürzlich brachte es ein Kabarettist in Radio 1 auf den Punkt.
    "Westdeutsche haben eine Geschichte, Ostdeutsche eine Vergangenheit." Das hört nicht mehr auf und dient einem ganz bestimmten Zweck.

  10. 9.

    Tja, und nun stellen Sie sich mal das Ostberlin von heute vor, wenn Westberlin auch jetzt immer noch Sehnsuchtsort wäre...

  11. 8.

    >“ Wenn die wüssten, wie oft wir nachts in die Ostsee gesprungen sind oder in aufgemachten Strandkörben gepennt haben..“
    Es kam drauf an, an welchem Ostseestrand Sie waren. Die eigentliche auch nächtliche Totalüberwachung fing glaub ich erst ab Kühlungsborn West Richtung Westen an. Da steht noch ein alter Grenzwachturm in den Dünen als Mahn- und Denkmal.

  12. 7.

    "West-Berlin" = "nicht interessant"
    Könnte was dran sein ;-)

    "Nächtliche Strandbesuche an der Ostsee waren deswegen verboten."
    Wenn die wüssten, wie oft wir nachts in die Ostsee gesprungen sind oder in aufgemachten Strandkörben gepennt haben...

    Mit ner SU-22 Patrouille geflogen? ein Jagdbomber in "extrem geringer Höhe"? "wenige Hundert Meter über einem beliebten Badestrand" = Widerspruch ansich. Extrem geringe Höhe liegt per Definition lt. Flughandbuch in Höhen bis max. 100 Meter an. Und für Patrouillen über der Ostsee war das JG-9 mit seinen MiG-23 in Peenemünde verantwortlich. Der ganze Artikel ist ein wenig.. naja... komisch.

  13. 6.

    Das privat betriebene Berliner DDR-Museum ist mir für meinen Geschmack etwas zu touristenmäßig oberflächlich. Um einen differenzierteren Blick auf das Alltagsleben in der DDR zu erhalten, würde ich eher das in öffentlicher Trägerschaft befindliche "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" in Eisenhüttenstadt empfehlen. Lässt sich gleich noch mit einem Spaziergang durch die interessante 50er-Jahre-Architektur der Modellstadt verbinden.

  14. 4.

    Ein mit Herzblut und Sachverstand betriebenes DDR- Museum befindet sich in Pirna. Dort geht es um das wirkliche Leben in der DDR.

  15. 3.

    Tja, und nun schauen Sie sich mal Ihren Sehnsuchtsort Westberlin heutzutage an....

  16. 2.

    Ich kenne nur den Sehnsuchtsort West-Berlin. Aber das ist ja keine Ostalgie also nicht interessant

  17. 1.

    Und 34 Jahre später sehnt sich die SBZ wieder nach ihrem grossen Bruder.

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