SPD-Mitgliederforum - Umarmung und Attacke

Mi 08.05.24 | 09:06 Uhr | Von Von Jan Menzel
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Kian Niroomand (l-r), SPD-Landesvize in Berlin, Jana Bertels, frühere Co-Vorsitzende der Berliner SPD-Frauen, Franziska Giffey (SPD), Berliner Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Nicola Böcker-Giannini (SPD), frühere Staatssekretärin, und Martin Hikel (SPD), Neuköllns Bezirksbürgermeister stehen bei einer Pressekonferenz nach der Auszählung der Stimmen zur Wahl einer neuen Doppelspitze der Berliner SPD zusammen. (Quelle: dpa/Gateau)
Audio: rbb24 Inforadio | 08.05.2024 | Jan Menzel | Bild: dpa/Gateau

Nicola Böcker-Giannini und Martin Hikel gehen als Favoriten in die Stichwahl um den SPD-Landesvorsitz. Kian Niroomand und Jana Bertels müssen als zweites Bewerber-Duo Boden gut machen. Viele SPD-Mitglieder sind aber schon entschieden. Von Jan Menzel

  • Bewerberduos Böcker-Giannini/Hikel und Niroomand/Bertels haben sich nochmal den Mitgliedern vorgestellt
  • Inhaltlich liegen beide Lager vor allem beim Verhältnis zum Koalitionspartner CDU auseinander
  • Kaum Unterschiede bei den Themen Verwaltungsreform und Bauen
  • Am 18. Mai wird Ergebnis der Stichwahl bekanntgegeben, ein Drittel hat schon abgestimmt

Die Rollen auf dem Mitgliederforum im Willy-Brandt-Haus sind zumindest bei den Eingangsstatements klar verteilt. "Vielen Dank für euer Vertrauen", sagt Nicola Böcker-Giannini wie eine Fast-Schon-Gewinnerin. Die ehemalige Sport-Staatssekretärin kandidiert gemeinsam mit Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel für den SPD-Landesvorsitz.

Beide haben in der ersten Runde der Mitgliederbefragung an der absoluten Mehrheit gekratzt und das spürt man. Hikels zentraler Appell an diesem Abend ist: Man möge doch bitteschön die Kandierenden nicht nach "rechts" und "links" unterscheiden und auf Labels und politische Etiketten zu verzichten. "Wir sind alle Sozialdemokratinnen und Sozialdemokarten."

Nicola Böcker-Giannini und Martin Hikel (beide SPD), Bezirksbürgermeister von Berlin Neukölln, sitzen am 22.04.2024 während einer Pressekonferenz zur Lage nach dem Berliner SPD-Mitgliederentscheid nebeneinander. (Quelle: dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow)
Nicola Böcker-Giannini, ehemalige Sport-Staatssekretärin, kandidiert gemeinsam mit Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel. | Bild: dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow

Für die beiden in der ersten Abstimmungsrunde Zweitplatzierten Jana Bertels und Kian Niroomand ist die Ausgangslage eine andere. Sie müssen mobilisieren, Unterschiede deutlicher machen und angreifen, um das Blatt zu wenden."Ganz klar, die Berliner SPD steht vor einer Richtungsentscheidung", eröffnet Jana Bertels ihre Rederunde. Und ihr Co-Kandidat Niroomand bezeichnet es als gut, dass die Genossinen und Genossen die "klare Wahl" zwischen unterschiedlichen politischen Ausrichtungen hätten.

An der CDU scheiden sich die Geister

Dazu muss man wissen, dass Niroomand und Bertels sich selbst eindeutig im linken Spektrum der Berliner SPD verorten. Niroomand als SPD-Kreischef von Charlottenburg gehörte zu denen, die der Partei nach der Schlappe bei der Wiederholungswahl vor einem Jahr den Gang in die Opposition empfohlen hatten. Daran knüpft er an, wenn er den beiden Mitbewerbern vorhält, "vehement" für die Koalition mit der CDU geworben zu haben.

Das sei der "größte strategische Fehler" gewesen, der zum Absturz der SPD in den Umfragen auf aktuell nur noch 15 Prozent geführt habe. Die SPD dürfe sich nicht dauerhaft zum "Steigbügelhalter der CDU machen", warnt Niroomand und schickt eine Spitze in Richtung Hikel und Böcker-Giannnini hinterher: "Martin und Nicola stehen für diese Koalition der Selbstverzwergung." Er und Bertels hingegen nicht.

Böcker-Giannini hatte diese Kritik schon geahnt – schließlich haben die beiden Bewerberduos nun schon mehrere gemeinsame Auftritte auf diversen Mitgliederforen hinter sich. Wenn jemand ihr den Steigbügel halte, dann sei das ihr Partner, der 2-Meter-Mann Hikel, und sonst niemand. Sie wolle eine SPD, die so stark sei, dass niemand an ihr vorbeikomme.

Jana Bertels und Kian Niroomand, bilden zusammen eine Team für die Wahl des Landesvorsitz der SPD Berlin, sitzen am 29.04.2024 vor dem Bahnhof Schöneberg. (Quelle: dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow)Kian Niroomand, SPD-Kreischef von Charlottenburg und seine Co-Kandidatin Jana Bertels, Landesvorsitzende der SPD FRAUEN Berlin.

Funke will nicht auf spärlich besuchtes Willy-Brandt-Haus überspringen

Ein bisschen aus der Zeit gefallen klingt es allerdings, als Böcker-Giannini den "Traum" der absoluten Mehrheit hervorzaubert und das "Modell Saarland" lobt - das letzte Bundesland, in dem die SPD mit absoluter Mehrheit allein regiert. Die SPD dürfe sich nicht als "Nischenpartei" einrichten, im Falle ihrer Wahl als Landesvorsitzende würden sie und Hikel ihre Politik an den "Alltagsrealitäten der Menschen" ausrichten, verspricht Böcker-Giannini.

Bertels und Niroomand sehen sich dagegen auch an diesem Abend als Verteidiger "zentraler Errungenschaften" der SPD wie der gebührenfreien Bildung in Kita und Hort. Hier etwas zu ändern, Bildung vom Geldbeutel der Eltern abhängig zu machen – so wie es das andere Bewerberduo andenke, das sei nicht ihre Politik. Und dann macht Niroomand noch einen Punkt, der in der Arbeiterpartei SPD stets gut ankommt: "Wir wollen Berlin von der Hauptstadt der prekären Beschäftigung zur Hauptstadt der guten Arbeit machen."

Doch so richtig überspringen will der Funke auf diesem letzten Präsenz-Mitgliederforum nicht. Das mag daran liegen, dass das Willy-Brandt-Haus mit vielleicht einhundert Anwesenden nicht einmal halbvoll besetzt sind. Es kann aber auch sein, dass sich die Duos bei vielen Themen den Mühen der Ebene aussetzen müssen.

Einigkeit beim Thema Tempelhofer Feld

Beim Berliner Dauerbrenner Verwaltungsreform spricht sich Niroomand für einen doppelten Ansatz aus. Kurzfristig müsse man die Terminprobleme in den Bürgerämtern in den Griff bekommen. Langfristig brauche es ein Leitbild "wo die SPD mit der Verwaltung hin will". Neuköllns Bürgermeister Hikel greift diese "langen Linien von Kian" auf und verlangt, dass die Blockade zwischen Senatsverwaltungen und Bezirken endlich aufgelöst werden muss.

Auch in der Wohnungs- und Baupolitik sind es weniger die großen, plakativen Unterschiede, die hervortreten. Wenn Nicola Böcker-Giannini erklärt: "Wir stehen für die Randbebauung des Tempelhofer Felds", dann tut sie das auch mit einem Plädoyer für sozialen Wohnungsbau. Und sie betont, dass dafür ein neuer Volksentscheid notwendig wäre.

Jana Bertels wiederum macht deutlich, dass sie früher eher eine Verfechterin des freien Feldes war, nun aber einer Randbebauung keine Absage erteilt. "Ich kann schon verstehen, dass es sehr gute Gründe gibt, das in Erwägung zu ziehen." Freiflächen für Erholung und Sport müssten unbedingt gesichert werden müssten.

Ein Drittel der Parteimitglieder hat sich schon entschieden

Kurz vor Schluss wird es aber noch mal kurz hitzig, als Parteimitglieder Jana Bertels vorhalten, sie sei nicht offen mit ihrer vorigen Mitgliedschaft zu Jugendzeiten in der CDU in Krefeld umgegangen. Sie habe daraus nie ein Geheimnis macht, in ihrem Kreisverband sei das auch bekannt, erwidert Bertels. Jeder und jede hätte sie anrufen können. Im übrigen wünsche sie sich, dass man sich "nicht gegenseitig abspreche, Genossin zu sein". Kian Niroomand nimmt den Anwürfen die Spitze, indem er mahnt, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. "Wenn wir so weiter machen, wird das nix."

Ganz zum Schluss setzt Nicola-Böcker-Giannini noch einmal zur politischen Umarmung an und erneuert ein Angebot zur Zusammenarbeit, das sie und Hikel den beiden Mitbewerbern Bertels und Niroomand schon einmal gemacht hat. "Unser Angebot steht auch", gibt Niroomand zurück.

Die beiden Duos werden in der kommenden Woche noch ein letztes Online-Forum gemeinsam absolvieren. Allerdings haben viele Parteimitglieder ihre Wahl schon getroffen. 5.800, also fast ein Drittel aller Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in Berlin, haben ihre Stimme abgegeben. Bis zum 17. Mai ist das noch online oder per Brief möglich. Am 18. Mai wird ausgezählt und dann ist klar, wer wem welche Angebote machen kann.

Sendung: rbb24 Inforadio, 08.05.2024, 9:00 Uhr

Beitrag von Von Jan Menzel

19 Kommentare

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  1. 19.

    Für gilt Jana Bertels und Kian Niroomand als Berliner SPD-Chefduo als sehr wahrscheinlicher.

  2. 18.

    Ganz egal wer sich da zusammen findet.
    Die SPD hat sich bei den meisten ihrer Wähler sowieso erledigt

  3. 17.

    Und was wurde aus dieser Theorie bei Umsetzung in die Praxis?
    Kommunistischen Regime haben ihre Macht in höchsten Maße missbraucht, ihr Land heruntergewirtschaftet und ihr Volk unterdrückt um ihre Theorie.umzusetzen, aber letztendlich hat sich doch das Volk befreit.

    Da ist die Theorie von Demokratie und Rechtstaatlichkeit, die übrigens hierzulande in GG verankert ist, doch die beste Wahl, auch wenn sie ganz undogmatisch daher kommt.

  4. 16.

    Niemand braucht eine linke SPD, die die Realität aus dem Blick verliert. Dieser Platz ist schon besetzt.
    Wenn Bertels/ Niroomand das andere Duo als "rechts" hinstellen, dann spielt das nur den wirklich rechten Kräften in die Hände.
    Die Wahl als Richtungsentscheid darzustellen und gleichzeitig ständig: "Wir wollen die Partei einen." zu rufen, darf man doppelzüngig nennen.

  5. 15.

    Die Kommunisten haben ja wenigstens noch eine Theorie, im Gegensatz zu dem was da heute so zusammen regiert wird.

  6. 12.

    Die Körpergröße sagt absolut gar nichts über die innere Größe bzw. Stärke aus. Sie sehen Probleme, wo es keine gibt.

  7. 11.

    Zurück zum Marxismus der 19. Jahrhundert?
    Nein, diese Theorie ist längst überholt, und an der kleben nur noch die ewig gesterrigen Kommunisten.

    Im 20.Jahrhundert hat sich die Industriegesellschaft weiter entwickelt, und hat beispielsweise die soziale Marktwirtschaft erfunden.
    Diese Wirtschaftsordung hat hierzulande immer noch Gültigkei, und sollte im Parteiprogramm der SPD ensprechende Berücksichtigeung finden, da historisch gesehen war die SPD eine Arbeitnehmerpartei, und das sollte so bleiben.

  8. 10.

    Mir scheinen beide Teams nicht wirklich das zu sein, was die SPD-Berlin derzeit braucht. Und dies gilt auch für das ausgeschiedene Duo Luise Lehmann & Raed Saleh.
    Es bräuchte ein Team, dass wirklich wieder originär sozialdemokratische Politik im Sinne von August Bebel und Wilhelm Liebknecht durchsetzen will.

  9. 9.

    Auch hier irrst Du Dich, Elias. Es kann durch reale Politik nur besser werden, nicht durch Umsonst-Politik.

  10. 7.

    Mit Böcker-Giannini/Hikel ist der Untergang der Berliner sPD garantiert. Giffey hat die sPD gespalten, Böcker-Giannini/Hikel geben der sPD den Gnadenstoss.

  11. 6.

    Was uns das sagen soll? Dass die lieber wachsen oder sich auf einen Stuhl stellen sollten. Diversität in den Größen. Ist doch toll. Vielleicht ist (von uns aus) auf der rechten Seite auch nur was runtergefallen? Die ehemalige Sport-Staatssekretärin schaut jedenfalls nicht nach oben.

  12. 5.

    Zum Thema: Der Rechtsruck in der Berliner SPD, angestoßen durch Giffey/Saleh (ich betonen dabei, wie sehr ich den Angriff auf Frau Giffey verutteile), wird, so meine Befürchtung, weitergehen, wenn nicht sogar verstärkt, schaut man sich das Profil von Böcker-Giannini/Hikel an. Aber dort rechts steht schon die CDU. Welche Stimmen wollen sie bitte gewinnen? Der aktuelle Berliner Donut - grüne Mitte, schwarzer Rand - wird so keine rote Garnitur bekommen.

  13. 3.

    Dieses Foto ist schrecklich, total deprimierend! Zwei kleine Frauen, die zu „ihren“ großen Männern aufschauen! Soll uns das was sagen, lieber RBB?

  14. 2.

    Liebes rbb-Team, die Zeiten sind schon viel zu kriegerisch. Bei achten Sie dich darauf, dass die Sprache friedlich bleibt. "Boden gut machen" kann man doch auch anders ausdrücken.

  15. 1.

    Das föderalistische Prinzip der Berliner Bezirke stellt ein Problem dar. Allein das Wort Verwaltungsreform löst bei den Spitzenbeamten und Personalräten lautes Gelächter aus. Wir haben ja in jedem Bezirk weitere parteibesetzte Königreiche.

    Die Verwaltung kümmert sich zu erst um sich selbst. Jeder Ansatz der das gemächliche treiben in den Amtsstuben stört wird mit dem "Zuständigkeitsspiel" abgewürgt. Die Stadträte und Senatoren sind ja Politiker, also weder Verwaltungsfachleute noch Experten in dem Ihnen als Beamte auf Zeit besetzten Spitzenplatz der Verwaltung. Grüne wollen nach Außen sichtbar was Grünes, SPDler was auch immer, CDU was sichtbar konservatives. Um das zu bekommen müssen sie der Verwaltung freie Hand für die Verwaltung gewähren....................

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