Funktionärstochter und Autorin Lange-Müller - "Unbeugsam war ich sicher nicht. Aber unangepasst allemal"

Mi 04.09.24 | 06:14 Uhr
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Die Berliner Autorin Katja Lange-Müller Ende August 2024 bei Dreharbeiten in ihrem Zuhause (Quelle: rbb)
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Video: rbbKultur | 31.08.2024 | Andreas Kurt & Gerhard Lueg | Bild: rbb

In der DDR flog sie von der Schule und brach mit ihrer systemtreuen Mutter. Dann machte sie in West-Berlin Karriere als Schriftstellerin: Katja Lange-Müller beschreibt sich selbst als unangepasst. Ein Gespräch über ihren neuen Roman und Mütter.

rbb: Frau Lange-Müller, Sie sind im Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen!" zu sehen. Darin geht es um Frauen in der DDR. Was fangen Sie mit der Zuschreibung unbeugsam an?

Katja Lange-Müller: Unbeugsam war ich sicher nicht. Aber unangepasst allemal. Das war mir in die Wiege gelegt, weil ich eine extreme Linkshänderin bin. Es ging schon in der Schule los. Die Deutschlehrerin schlich sich hinterrücks an mich heran und entriss mir den Stift, weil ich ihn in der Linken hielt - bis ich ihr dann irgendwann mal beherzt in die Hand gebissen habe.

Ich weiß nicht, ob ich mittlerweile angepasst bin. Vielleicht ein wenig. Oder sind die anderen alle unangepasster geworden? So könnte es ja auch sein.

Zur Person

Die Berliner Autorin Katja Lange-Müller Ende August 2024 bei Dreharbeiten in ihrem Zuhause (Quelle: rbb)
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Preisgekrönte Schriftstellerin - Katja Lange-Müller

Lange-Müller wurde in Berlin-Lichtenberg geboren und wuchs in der DDR als Tochter der hochrangigen SED-Politikerin Inge Lange auf. In den 1980er Jahren siedelte sie nach West-Berlin über. Sie ist Autorin mehrerer Romane und wurde unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Am 05.09.24 erscheint ihr neues Buch "Unser Ole" im Verlag Kiepenheuer&Witsch.

Sie sind damals sogar von der Schule geflogen, warum eigentlich?

Mir blieb keine andere Rolle als die des Klassenclowns: Die linkshändige Funktionärstochter war der Klassenclown. Dabei kam mir zugute, dass ich wirklich sehr überzeugend Stimmen imitieren konnte.

Ich hatte also wieder mal Walter Ulbricht imitiert und auf dem Schulhof viel Beifall und Zuspruch geerntet. Aber dann wurde ich zum Direktor zitiert. Und dann wäre ich immer noch nicht geflogen, wenn ich bereit gewesen wäre, mich vor dem versammelten pädagogischen Rat und dem Elternbeirat zu entschuldigen. Doch da merkte ich, wie mir die Tränen die Kehle hochstiegen. Und dann dachte ich: "Nee, du wirst vor diesen Typen jetzt nicht losheulen!" Also hab ich nur noch gemurmelt: "Mach ich nicht!" Keine Selbstkritik. Ich hüpfte runter von der Aula-Bühne. Und das war's. Danach war Schluss.

Sie nennen sich "Funktionärstochter", weil Ihre Mutter Inge Lange eine der hochrangigsten Frauen in der SED war. Wie war Ihre Beziehung zu ihr?

Meine Mutter kannte ich ja gar nicht so gut. Die war sehr viel auf Reisen und irgendwie immer mächtig beschäftigt. Und als Kinder haben wir das auch verstanden. Wir haben gedacht: Ja, der Kampf um den Weltfrieden ist natürlich viel wichtiger als wir hier. Wir hatten nicht das herzlichste Verhältnis zueinander.

Im Jahr 1976 haben Sie die Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR unterschrieben, in den 1980er Jahren sind Sie dann selbst nach West-Berlin gegangen. Wie hat Ihre Mutter darauf reagiert?

Wir haben uns seltsamerweise seit der Biermann-Petition weder gesehen noch gesprochen, da war völlige Funkstille. Totale, tiefste Funkstille. Ich glaube, wir hatten beide nicht das Bedürfnis, uns einander noch mal anzunähern. So war es einfach.

Wir haben immer gedacht: Der Kampf um den Weltfrieden ist natürlich viel wichtiger als wir hier. Wir hatten nicht das herzlichste Verhältnis zueinander.

Katja Lange-Müller über ihre Mutter

In Ihrem neuen Buch "Unser Ole" geht es auch um dieses Mutterthema.

Mutter-Tochter-Dramen beschäftigen mich schon lange.

Es ist die Geschichte von drei Frauen, die von ihren Müttern abgelehnt werden. Und von einem Jungen namens Ole, der diese Frauen miteinander verbindet.

Es war die Corona-Zeit, die mich verleitet hat, so ein Buch zu schreiben. Mit Protagonistinnen, die einem nicht das Herz erwärmen, die keine großen Sympathieträgerinnen sind. Es war mir aber dennoch wichtig, ihnen sowas wie epische Gerechtigkeit angedeihen zu lassen und ihnen auch noch eine Art Entwicklung zu ermöglichen.

Offizielles Gruppenfoto der Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der führenden Staatspartei der DDR, aufgenommen etwa 1980 im Haus des ZK in Berlin. Erste Reihe l-r: Hermann Axen, Erich Mückenberger, Günter Mittag, Paul Verner, Willi Stoph, Erich Honecker, Horst Sindermann, Kurt Hager, Heinz Hoffmann, Erich Mielke, Harry Tisch, Werner Felfe. Dahinter l-r: Horst Dohlus, Werner Walde, Margarete Müller, Günther Kleiber, Gerhard Schürer, Werner Krolikowski, Joachim Herrmann, Konrad Naumann, Alfred Neumann, Inge Lange, Werner Jarowinsky, Egon Krenz, Günter Schabowski. Rot eingekreist ist Inge Lange (Quelle: dpa-Zentralbild).
Das SED-Politbüro etwa 1980, vorne im Zentrum steht Erich Honecker. Rot eingekreist ist Inge Lange (1927-2013), Leiterin der Abteilung Frauen des Zentralkomitees der SED und eine der wenigen Frauen im inneren Machtzirkel der Partei.Bild: dpa-Zentralbild

Die Figuren im Roman sind eher Außenseiter. Was fasziniert Sie daran?

Ich glaube, ich bin auch so. Ich mag solche Figuren und ich sehe sie auch überall. Ich hatte immer solche Randfiguren, vom ersten Buch bis zum jetzigen. Figuren im Zentrum sind nicht so interessant wie die am Rand. Mich interessieren Widersprüche. Das ist auch literarisch viel dankbarer. Diese Figuren sind sehr herausfordernd. Und sie sind provokativ für die anderen. Sie bewirken vielleicht vor allem bei den anderen Veränderungen,weniger bei sich selbst.

Es gibt im Roman dieses Motiv vom nicht sesshaft werden im Leben. Hat das auch etwas mit Ihrem eigenen Leben zu tun? Sie sind ja auch immer unterwegs.

Ich komme aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Es gibt dieses Gedicht von Brasch, dass es viel genauer ausdrückt, als ich das könnte: "Wo ich bin, will ich nicht bleiben [...] bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin."

Es gibt einfach Menschen, die haben Bienen im Kopf und Hummeln im Hintern. Zu denen gehöre ich. Was soll ich machen? Das ist mein Naturell, woher ich das habe, ob das irgendwie Charakter ist oder Biologie oder Lebenserfahrung oder alles zusammen – ich kann es nicht so genau sagen. Denn die Selbstanalyse ist mir nicht so gut möglich wie das genaue Schauen auf andere Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Andreas Lueg.

Sendung: radio3, 02.09.2024, 6 Uhr

13 Kommentare

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  1. 13.

    Ist nen Zitat von nem Lyriker! Wir hatten als Künstler totale Freiheiten, mehr Überwachung als heute, gabs damals nicht! Und die Flachzangen von Nazis waren in der Diktatur mucksmäuschen still.

  2. 12.

    Wat erzähst Du denn für einen Murks? Schlechten DDR-Thriller gelesen? Wir ham in unsrern Freundeskreisen denken und sagen könnenm, wat wir wollten. Und Kritik war im Betrieb auch drin! Deshalb ging man auch ins Theater, da wurde Kritik künstlerisch geübt. Un dwir hatten jede Menge Westkram, Bücher und Platten, wenn man nicht blöd war, kam man daran! Und Autos waren nicht so wichtig, wie heut, telefone hatte irgendwer im Bekanntenkreis sowieso und Wezsverwandschaft auch, ach ja, FKK war völlig normal und der Sex nicht so verklemmt, wie heute.

  3. 11.

    ,hier hervorgerufen durch Unkenntnis und einseitige Medienberichte, sind hartnäckig. Weiteres erübrigt sich .

  4. 10.

    „ Je älter die Leute werden, umso mehr vergessen Sie die Realität der DDR. Diktatur, meinungslose Ja- Sager, die sich nicht trauen, ihre wahren Gedanken zu äußern, Mangel, Mangel, Mangel.“

    Oder Menschen die eben in der DDR noch richtig sozialisiert waren und damit ein differenzierteres Bild auf die Vergangenheit haben, als die inzwischen historisch propagierte Kurzfassung in Verbindung des Nachgeplappers der Socialmedia-Generation Z.
    Dazu empfehle ich auch Ausführungen von Dirk Oschmann.

  5. 9.

    Mir ging es als Angestellt in der DDR sehr gut. Man musste weder in der Partei sein noch einer Gewerkschaft dafür. Ja, aus heutiger Sicht vermisse ich meine Heimat und den Alltag. Da konnte man als Frau Nachts noch allein nach Hause gehen. Und so geht es Millionen anderen auch. Die Dauer-Negativ-Meldung nervt ab und beleidigt viele Bürger die es anders erlebten als wie immer berichtet. Heute ist nichts besser, nur anders.

  6. 8.

    In Diktaturen lebt es sich unheimlich angenehm, Sie haben recht. Satire off. Muss man nicht kommentieren.

  7. 7.

    Hilfe mir wird übel. Selten so einen Unfug gelesen. Wem haben Sie denn nach dem Munde geredet oder mit Naturalien beschenkt, damit ausgerechnet Ihr Leben angenehm war? Je älter die Leute werden, umso mehr vergessen Sie die Realität der DDR. Diktatur, meinungslose Ja- Sager, die sich nicht trauen, ihre wahren Gedanken zu äußern, Mangel, Mangel, Mangel. Es gab nichts zu kaufen und davon viel. Die Löhne erbärmlich. Die Überwachung hervorragend, die Möglichkeiten absolut begrenzt, die Jugend ohne Zukunft.

    Sicher wollten Sie auch nie frei sein.

  8. 6.

    "Auch für sehr sehr viele "einfache Arbeiter" war das Leben in der DDR sehr angenehm" >wahnsinnig angenehm, weil man nicht sagen durfte, was man dachte, ebenfalls angenehm die Stasi/mfs-Überwachung, die undemokratischen Wahlen, der Geschmack von Clubcola, lange Fristen beim Telefonantrag und Autokauf, weiterhin sehr angenehm die Telefonüberwachung, das Recht auf Freizügigkeit per Ausreiseantrag (Haha, besonders für Angehörige der Organe, die dann erstmal ratzfatz zum Toilettenpersonal aufstiegen), die permanente Todeststrafe durch Grenzer an der Grenze, die Reiseunfreiheit usw. usw.

  9. 5.

    Auch für sehr sehr viele "einfache Arbeiter" war das Leben in der DDR sehr angenehm.

  10. 4.

    Sie sollten mal eines Ihrer Bücher lesen bevor Sie Ihre Allgemeinplätze hier von sich geben. Versuchen Die es doch einfach einmal.

  11. 3.

    In der Schule haben wir alle versucht, die Grenzen auszutesten. Wenn man das unter "der schützenden Hand" der Mutter, wie Frau Lange, das während der Schulzeit und dann noch bis zu ihrer " Ausreise aus der DDR" so weiter betreiben konnte- ja, dann war das Leben in der DDR ( im Kreis der Oberen Zehntausend) schon ganz angenehm.

  12. 1.

    Und 34 Jahre nach dem Mauerfall war jeder 2. DDRler ein Widerstandskämpfer gegen das SED-Regime.

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