Warten auf Zulassung - Neue Straßenbahnen in Cottbus bleiben vorerst Geisterbahnen

Fr 28.02.25 | 16:45 Uhr
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Blick in die leere Straßenbahn (Foto: rbb/Screenshot)
Video: rbb24 Brandenburg aktuell | 28.02.2025 | Rico Herkner | Bild: rbb/Screenshot

Brandneue Straßenbahnen sollen in Cottbus die Jahrzehnte alten Modelle nach und nach ersetzen. Zwei neue Bahnen fahren bereits durch die Stadt - nur einsteigen darf noch niemand. Von Isabelle Schilka.

Das typische Rot-Weiß tragen sie noch, sonst haben die neuen Straßenbahnen des Modells Škoda ForCity Plus nicht mehr viel mit den alten Tatra-Oldtimern aus den 90ern gemeinsam. Das Design ist schlanker, die Fensterfronten sind größer und die Einstiege erleichtert. Das konnten die Cottbuser mit etwas Glück schon mehrfach sehen.

Denn die ersten zwei neuen Bahnen sind bereits in der Stadt und auch schon auf den Schienen unterwegs. Nur ohne Gäste. Das hat mehrere Gründe.

Eine neue Straßenbahn fährt an der Stadthalle vorbei Richtung Rathaus, auf der Anzeige steht "Fahrschule" (Foto: rbb/Screenshot)
| Bild: rbb/Screenshot

Üben, üben, üben

Nicht nur für die Fahrgäste, auch für die Fahrer soll es in den neuen 29 Meter langen, sehr leisen Bahnen komfortabler werden. Aber erst dann, wenn sie die neue Technik auch beherrschen. Die 85 Fahrerinnen und Fahrer von Cottbusverkehr müssen deshalb zunächst zur Fahrschule.

Darüber hinaus wird auch die Bahn selbst derzeit auf Herz und Nieren geprüft. Zahlreiche Gutachten liegen dafür bei Landesbehörden und beim Eisenbahnbundesamt. "Evakuierungsgutachten, Brandschutzgutachten, Lärmschutzgutachten, Statikgutachten, Crashschutznorm einzuhalten - es ist ein irrsinniger Stapel Papier", sagt laut Cottbusverkehr-Geschäftsführer Ralf Thalmann. Doch der umfangreiche Prozess sei nötig, damit das Schienenfahrzeug wirklich sicher ist. Und: "Es soll die nächsten 30, 40 Jahre sicher sein", so Thalmann.

Blick in das Cockpit der neuen Straßenbahn in Cottbus (Foto: rbb/Screenshot)
Blick ins Cockpit | Bild: rbb/Screenshot

Oldiefahrzeuge vs. Moderne

Dass es bis zur Zulassung eine gewisse Zeit dauert, liegt auch an der Tatsache, dass zurzeit viele Städte ihren Schienen-Fuhrpark erneuern. Die Anträge stapeln sich also im Amt. Mit einer Zulassung rechnet Cottbusverkehr bis zum Sommer 2025. Die Genehmigung gilt dann auch gleich für jede der 22 neuen Bahnen. Sie sollen alle bis Ende des Jahres in Cottbus ankommen.

Den Wechsel von den alten zu den neuen Bahnen verfolgt der Teamleiter der Straßenbahnsparte in Cottbus, Nico Fahrentz, mit einem lachendem und einem weinenden Auge. "Es gibt die Oldie-Liebhaber, die gerne noch einmal einen Trabi fahren und so weiter. So fühle ich mich bei der Straßenbahn. Ich fahre unsere alten Straßenbahnen wirklich sehr gerne." Gleichzeitig finde er aber auch das Fahren mit den neuen Fahrzeugen gut. "Für mich ist es jetzt beides schön."

Innen und außen besser geworden

Bei den neuen Straßenbahnen ist nicht nur die Technik und das Äußere neu, auch das Interieur wurde überarbeitet. Und das ist gut für den Gast, so Cottbusverkehr-Betriebsleiter, Dirk Jakisch. So sei die Bahn vollklimatisiert. "Im Sommer sind dann angenehmere Temperaturen zu erwarten."

Es könnten auch mehr Fahrgäste transportiert werden und die Anzeigetafeln, also das Infotainment, sei verbessert worden. "Das heißt, der Fahrgast kann besser erkennen, wo er hinfährt und wann er sein Ziel erreicht." Darüber hinaus können Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität die Bahnen deutlich bequemer nutzen. Die bisherigen Straßenbahnen sind nur zum Teil barrierefrei.

Beim Beschleunigen sollten sich Fahrgäste aber künftig vielleicht festhalten. "Da wo es das Gleis zulässt, werden wir sehen, dass die Bahn wesentlich besser beschleunigt und auch die Streckenhöchstgeschwindigkeit hier in Cottbus von 60 km/h an viel mehr Stellen erreichen kann", so Jakisch.

Mehr Bahnen für mehr Netz

Brandenburg/Havel, Frankfurt (Oder) und Cottbus hatten sich vor einigen Jahren auf den gemeinsamen Kauf neuer Bahnen geeinigt. Das spart Geld. Nach Brandenburg gehen vier Bahnen, Frankfurt orderte 13 Fahrzeuge, Cottbus ist mit seinen 22 Bahnen der größte Besteller. Noch fährt keine davon mit Fahrgästen.

In Cottbus sollen später weitere hinzukommen, die dann für eine dichtere Taktung und das erweiterte Schienennetz eingesetzt werden sollen, das für Cottbus geplant ist. 2022 hatte "Cottbusverkehr" angekündigt, das Netz in der Stadt erweitern zu wollen. Dann könnten Fahrgäste künftig beispielsweise zum neuen Wissenschaftscampus im Cottbuser Norden fahren. Es wäre die erste Erweiterung seit den 1980er Jahren.

Unterdessen rollen einige Cottbuser Tatra-Oldtimer mehr als zehn Jahre parallel weiter.

Mit Informationen von Rico Herkner.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 28.02.2025, 19:30 Uhr

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9 Kommentare

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  1. 9.

    Die Straßenbahn heißt zwar Straßenbahn, ist aber bei weitem nicht auf die Straße als Fahrweg angewiesen. So gibt es zahllose Strecken, die abseits von Straßen verlaufen und da ist es überhaupt nicht einzusehen, dass die Bahn da max. 50 km/h fährt.

  2. 8.

    Auf Strecken, wo sich die Bahn das Gleis mit dem Straßenverkehr teilt (straßenbündiger Bahnkörper), gilt die Höchstgeschwindigkeit der Straße, an allen anderen Stellen kann die technische Aufsichtsbehörde andere Höchstgeschwindigkeiten zulassen.

  3. 7.

    Warum muß die neue Straßenbahn 60 km/h fahren können?!
    Wie sieht es mit 50 km/ h Höchstgeschwindigkeit innerorts entsprechend der StVO aus?
    Oder gilt in Cottbus etwas anderes ?

  4. 6.

    Mit Verlaub: Dass etwas als identisch gemacht wurde, was nicht identisch sein konnte, das war ggf. zu Zeiten des ausgerufenen Realsozialismus so; in Wirklichkeit waren die Gleisanlagen teilweise sehr verschieden und die Straßenbahnen schliffen dann im Zweifelsfall die Schienen schief.

    Ansonsten gibt es im Grunde zwei verschiedene Spurweiten, 1000 mm und 1435 mm; einige Städte weisen 1100 mm auf (Braunschweig), noch speziellere Spurweiten haben Leipzig und Dresden, die an die 1435 mm herankommen, aber nicht mit ihr identisch sind. Im Ausland hat Lissabon 900 mm.

    Was eine Überbetonung, quasi einen Selbstlauf des Sicherheitsaspektes angeht, da stimme ich Ihnen allerdings zu.

  5. 5.

    Seit weit über 100 Jahren fahren (nicht nur in diesen 3 Städten) identische Straßenbahnen auf identischen Strecken. Die Oldtimer aus der Urzeit kann man problemlos bis heute buchen und die fahren und fahren und fahren...
    Aber es ist der High-Tech-Welt völlig unmöglich, heutzutage eine Bahn zu bauen, die auf die auf Milliarden Kilometern bewährten immernoch identischen Gleise paßt. Da muß jetzt jeder Schotterstein einzeln ausgemessen und neu genormt werden.
    Nun ja. Irgendwo muß das Geld ja hin...

  6. 4.

    Die Herausforderung liegt schlicht und einfach darin, dass 1. jedes städtisches Netz unterschiedlich ist, was Steigungen angeht, was Kurven angeht, was das Teilen im Straßenraum mit dem Individualverkehr angeht und dass 2. die Sicherheitsbestimmungen immer akribischer werden. Sowohl in Deutschland als auch in der E U. Die Eigenverantwortung für Passanten, Fahrgäste und Bedienende anderer Fahrzeuge wird dabei faktisch auf Null gesetzt.

  7. 3.

    "Die Genehmigung gilt dann auch gleich für alle neuen Bahnen." Wahnsinn! Das überhaupt erwähnen zu müssen zeigt, woran es in Deutschland krankt. Vermutlich lässt sich ein Haufen Sachverständiger und Beamter auch noch dafür feiern, dass ausnahmsweise nicht 22 Einzelabnahmen anstehen...

  8. 2.

    Gleiche Bahnen, gleiche Probleme. Den Frankfurtern geht es genauso und ich glaube in Brandenburg a.d.H. ist es genauso. 3 Gleiche Baureihen mit Neuzulassungen dauert es nun einmal. Auch die Verkehrsbetriebe sind nicht glücklich darüber, das es so lange dauert.

  9. 1.

    Was lange währt, wird endlich gut. Ich ziehe "meinen Hut" vor dem Durchhaltewillen in Cottbus, gab es doch im Brandenburgischen zwischenzeitlich Überlegungen, die Straßenbahnen in den im Vergleich zu Potsdam etwas kleineren Städten ggf. einzustellen.

    Wenn es die Straßenbahn nicht schon gäbe, sie würde wohl allein aus Gründen des Stadtmarketings erfunden werden. Kein Verkehrsmittel ist so spezifisch stadttypisch wie die Straßenbahn, die Tram, während andere Verkehrsmittel, das Kfz., der Bus, das Rad, überall sonst in gleichem Maße vorkommen. So wie U- und S-Bahnen zu Millionenstädten gehören, gehört die Straßenbahn zu Städten in dieser Größenordnung, gerade mitsamt ihres städtebaulichen Mobiliars. Daraus erwächst dann auch der Schienenbonus ggü. Bussen, von ihrer höheren Kapazität mal abgesehen.