Kommunen ohne Haushaltabschluss - Strenges Gesetz sorgt für finanzielle Blockade: Was Spaß macht, fällt erstmal weg

Fr 21.02.25 | 13:58 Uhr | Von Alexander Goligowski und Philipp Rother
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Symbolbild:Akten liegen in einem STapel auf einem Schreibtisch vor einem AKtenregal.(Quelle:picture alliance/Chromorange/Bidlerbox)
Video: rbb24 Brandenburg AKtuell | 21.02.2025 | Alexander Goligowski | Bild: picture alliance/Chromorange/Bidlerbox

Viele Städte und Kommunen in Brandenburg sind mit ihren Jahresabschlüssen weit hinterher - darunter auch Schulzendorf. Deshalb kann dort nur noch für "Pflichtaufgaben" Geld ausgegeben werden. Von Alexander Goligowski und Philipp Rother

Einmal wöchentlich treffen sich Seniorinnen aus Schulzendorf (Dahme-Spreewald) zum Singen im Sozialraum der Gemeinde. Für viele ist es das Highlight der Woche. Es gibt Kaffee und Kuchen, gerne auch mal ein Glas Sekt. Jede Teilnehmerin gibt dafür einen kleinen Obolus.

Der Seniorenbeirat um Monika Krohn und Christa Effler organisiert die Treffs. Der Beirat veranstaltet alle vier Wochen auch eine Großveranstaltung. "Da kommen dann 40 bis 50 Leute zusammen - dafür haben wir dann Kuchen backen lassen, und haben den bezahlt bekommen", berichtet Krohn. Die Gemeinde kam bislang für diese Unkosten auf. Das ist aktuell aber nicht mehr möglich. Auch die Seniorenfahrt, die die Gemeinde jedes Jahr ausrichtet, muss 2025 wohl ausfallen.

Personal fehlt

Denn Bürgermeister Markus Mücke (parteilos) darf aktuell für solche Dinge keinen Cent ausgeben. Grund ist eine neue Regelung in der Kommunalverfassung, die strenger als zuvor ist. Konkret geht es um den sechsten Absatz des 69. Paragrafen. Er gilt seit 1. Januar und schreibt vor, dass Gemeinden und Städte, die die nötigen Jahresabschlüsse nicht eingereicht haben, keinen neuen Haushalt beschließen dürfen. Und ohne einen Haushalt für das laufende Jahr darf kein Geld für freiwillige Leistungen ausgegeben werden.

Laut Städte- und Gemeindebund befinden sich aktuell mindestens 86 Brandenburger Kommunen in solch einer Lage - sie alle kommen mit ihren Jahresabschlüssen nicht hinterher. "Wir hatten bis 2019 die Möglichkeit, die Jahresabschlüsse in einem vereinfachten Verfahren zu machen", erläuterte die Vizepräsidentin des Bundes Kerstin Hoppe (CDU). Das sei dann gecancelt worden. Für die ausführlichen Abrechnungen fehle nun das Personal - nicht nur in den Städten und Gemeinden, sondern auch in den Rechnungsprüfungsämtern. "Dadurch entstehen die Rückstände", so Hoppe weiter.

"Wir hatten das Problem, dass wir einen Personalwechsel in der Kämmerei hatten", berichtete Schulzendorfs Bürgermeister im Gespräch mit dem rbb. Auch deshalb sei es zu Verzögerungen gekommen. Nun müsse nachgearbeitet werden. Einige Mitarbeiter der Verwaltung beschäftigen sich laut Mücke das ganze Jahr mit den Jahresabschlüssen, zeitliche Probleme sind dennoch entstanden: "Es ist eine Menge Arbeit, die eine Menge Zeit in Anspruch nimmt - dummerweise haben wir aber auch noch andere Sachen hier in der Verwaltung zu tun", so der Schulzendorfer.

Sachen, die Spaß machen, fallen weg

Seine Gemeinde hängt aktuell nur mit einem Jahresabschluss hinterher, die Auswirkungen sind aber gravierend: Die ortsansässige Kita kann keine neuen Spielgeräte bekommen. Die Sportvereine müssen auf die finanzielle Unterstützung für ihre Übungsleiter verzichten. Der im Wohngebiet Mühlenschlag geplante Spielplatz muss später gebaut werden. Für all diese freiwilligen Leistungen darf die Gemeinde derzeit kein Geld ausgeben. Es sind keine "Pflichtaufgaben". Heißt: Sachen, die Spaß machen, fallen weg.

Den anderen Städten und Kommunen geht es genauso. "Wenn am Ende in einem öffentlichen Haushalt die Jahresabschlüsse zu einer Verbesserung der Haushaltssituation beitragen würden, dann hätten wir auch alle dafür Verständnis, aber so ist es nicht", beklagte Hoppe. Der Städte- und Gemeindebund fordert deshalb, dass das neue Gesetz wieder abgeschafft wird. Das scheint unrealistisch. Der Landtag wird sich demnächst aber zumindest mit einer möglichen Fristverlängerung bis Dezember 2025 befassen. Dann könnten alle betroffenen Städte und Gemeinden kurzfristig ihren Haushalt verabschieden. Infolgedessen könnte auch Geld für die Fahrt der Schulzendorfer Seniorinnen freigegeben werden.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 20.02.2025, 19:30 Uhr

Beitrag von Alexander Goligowski und Philipp Rother

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10 Kommentare

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  1. 10.

    Dann vielleicht auch erstmal die Steuerzahlungen in solchen Gemeinden aussetzen, damit die jeweilige Gemeinde daran erinnert wird von wem das Geld kommt.

  2. 9.

    Wenn du als Unternehmer keinen Jahresabschluss machst, bekommst du die ganze Staatsmacht zu spüren! Und die Städte und Gemeinden bekommen das nicht hin. Das ist lächerlich. Prioritäten setzen und anfangen zu arbeiten!

  3. 8.

    Da muss der Bürgermeister seine Hausaufgaben machen. Jahresabschluss ist kein Hexenwerk. Das Land hat immer wieder Erleichterungen eingeräumt. Zur geordneten Haushaltswirtschaft gehört der Jahresabschluss dazu. Muss jede Firma machen. Sollte in der öffentlichen Verwaltung auch möglich sein.

  4. 7.

    Kita ist doch Pflichtaufgabe. Wieso darf dann nicht das Spielgerät finanziert werden?? Kita ohne Spielgeräte oder mit kaputten??

  5. 5.

    also an der mathematik liegt es sicher nicht. das ist ja nur plus und minus. ich habe mal neulich zb ins handelsrecht geguckt, was ja zb bei ausschreibungen eine rolle spielt. da musste man sich durch teilweise zehn verordnungsänderungen durchschlauchen und die jeweiligen änderungen dann in den ursprungstext per hand einfügen, damit man das zugehörige gesetz überhaupt erstmal lesen konnte, vom kauderwelsch mal abgesehn.

  6. 4.

    Es geht um die Jahresabschlüsse. Wer hinterherhinkt, hat das Nachsehen, mehr steht da nicht. Deshalb sollte man nicht hinterherhinken.

  7. 3.

    Unser deutsches Recht...

    Mitunter gut gemeint, aber nicht durchdacht und für die Praxis nicht geeignet

  8. 2.

    Der Wegfall der Finanzierung von Kaffee und Kuchen dürfte das geringste Problem sein. Man würde den Gemeinden sicherlich schon damit helfen, wenn man die nichtgesetzlichen Leistungen nicht mehr einzeln abrechnen müsste, sondern als Pauschale, die natürlich an die Finanzlage anzupassen ist.

  9. 1.

    Verstehe ich das richtig? Das Land verlangt ein ausuferndes Berichtswesen von Ehrenamtlern oder von Verwaltungen ohne Personal dafür? Die Kommunen müssten den Spieß umdrehen: Erst die Personalschlüssel und Gehälter dann die Berichte?