Kinder aus suchtbelasteten Familien - "Ich habe sehr viel gelogen für meine Mutter"

Di 18.02.25 | 08:18 Uhr | Von Sylvia Tiegs und Anja Herr
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Betty Taube im Gespräch mit dem rbb. (Quelle: rbb)
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell | 17.02.2025 | Anja Herr/Interview mit Andrea Hardeling | Bild: rbb

Viele Kinder aus suchtbelasteten Familien werden vernachlässigt, oft auch misshandelt. Und viele erhalten offenbar keine Unterstützung von außen - auch weil Hilfsstrukturen fehlen. Die Influencerin Betty Taube kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Von Anja Herr und Sylvia Tiegs

"Es gab Situationen, in denen meine Mutter versucht hat, uns umzubringen." Es ist ganz still im Raum, als die Frau mit den Sommersprossen und Korkenzieherlocken diesen Satz sagt.

Betty Taube, die hier ihre Geschichte erzählt, wurde in Eberswalde geboren. Aufgewachsen ist sie mit ihrer alleinerziehenden, alkoholkranken Mutter dort und an anderen Orten in Deutschland. Oft wurde sie geschlagen, mitbekommen habe es fast niemand, sagt sie: "Meine Mama hat mir gesagt, was ich nach außen sagen soll", sagt die heute 30-Jährige. Wenn jemand fragte, woher die blauen Flecken kommen, habe sie gesagt, das sei beim Spielen passiert. "Ich habe sehr viel gelogen für meine Mutter."

Ab einem Alter von zehn Jahren lebte Betty Taube dann in einem Kinderheim in der Nähe von Wriezen am östlichen Rand Brandenburgs.

Aktionswoche für Kinder aus suchtkranken Familien

Heute arbeitet sie erfolgreich als Model und Influencerin und setzt sich für Kinder aus suchtkranken Familien ein. Zum Beispiel bei der Aktionswoche des Vereins NACOA Deutschland.

Bei der Aktionswoche tragen Vertreter:innen verschiedener Kinderschutz-Organisationen ihr gemeinsames Anliegen an die Öffentlichkeit: Sie fordern eine bessere Politik für Kinder mit psychisch- oder suchtkranken Eltern. Betroffen seien in Deutschland vier Millionen Kinder, so NACOA Deutschland e.V.. Das Thema müsse endlich raus aus der Tabu-Zone, sagen die Veranstalter:innen. Der Claim der Social Media Kampagne: #Ich werde laut.

"Das Ziel ist es, die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern", erklärte Andrea Hardeling von der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. Sie spricht für ein neues Bündnis aus Betroffenenverbänden und Wissenschaftler:innen, das in die Politik hineinwirken will. Viele von ihnen sind nach Berlin gekommen.

Es gebe durchaus Programme, die man dauerhaft und bundesweit anbieten könnte, sagte Christina Reich von NACOA. Ihr Beispiel: das "Fluffi"-Projekt. Hier gehen NACOA-Mitarbeiter:innen ein Jahr lang monatlich in Kindertagesstätten und arbeiten mit den Kindern. Es gehe vor allem darum den Kleinen zu helfen, über ihre Gefühle zu sprechen – und zu erkennen, welchen Menschen sie vertrauen können. Denn nahezu jede Kita betreue Kinder mit suchtkranken Eltern, sagt Reich. Den Pädagogen werde diese Arbeit dann in Workshops vermittelt, so dass sie sie anschließend selbst fortsetzen könnten. Außerdem bietet NACOA den Eltern Gespräche an.

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Das Geld fehlt

Funktionierende Projekte gibt es also - das Problem ist oft die Finanzierung: Denn Projekte werden von Bundesland zu Bundesland verschieden bezahlt. Mal sind es kommunale Gelder, mal von einer Stiftung, oft ist es ein bunter Mix. Langfristige Finanzierung ist in den seltensten Fällen garantiert, das geht zu Lasten der Kontinuität. "Sehr viele Organisationen und Vereine kämpfen Jahr für Jahr darum, ihre bewährten Angebote für Kinder und Jugendliche aus psychisch- oder suchtbelasteten Familien weiterführen zu können, da ihnen die nötigen finanziellen Mittel fehlen", sagt Anna Buning von der Drogenhilfe Köln. Es sei "absurd", dass immer wieder neue Projekte oder Zusatzangebote erschaffen würden, die dann nicht aufrechterhalten werden könnten.

Es fehlt nach Aussage der Organisationen außerdem ein einheitliches Hilfesystem für diese Kinder - ein Regelwerk, wie Jugendämter oder andere Ämter standardisiert mit Kindern aus suchtkranken Familien verfahren, um sie zu unterstützen.

Wir müssen Kinder stärken, damit sie ernst genommen werden. Und damit sich endlich etwas ändert.

Betty Taube, Model und Influencerin

Vier Fraktionen wollen unterstützen

Politisch müsse sich noch sehr viel bewegen, sagen die Expert:innen. Ein Schritt in die richtige Richtung sei der Beschluss eines fraktionsübergreifenden Antrags im Bundestag Ende Januar. Er zielt darauf ab, Kindern mit süchtigen Eltern besser zu helfen.

SPD, Grüne, Union und FDP fordern darin unter anderem eine stärkere Vernetzung verschiedener Akteur:innen in den Hilfesystemen, zum Beispiel zwischen der Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen. Da scheint der Informationsaustausch oftmals nicht zu funktionieren, um betroffenen Kindern zu helfen.

Außerdem plädiert der Antrag für Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte und Kitapersonal, damit diese besser erkennen, ob ein Kind aus einer suchtkranken Familie kommt – und dieses dann entsprechend unterstützen können. Auch die Aufstockung finanzieller Hilfen wird angesprochen.

Bisher ist der Antrag vor allem eine politische Absichtserklärung. Ob daraus eine Gesetzesinitiative auf Bundes- oder kommunaler Ebene wird, ist ungewiss.

Kinder nicht alleinlassen

Notwendig wäre das aus Sicht von NACOA – um die Kinder nicht allein zu lassen. "Ich bin erst mit zehn Jahren ins Kinderheim gekommen", sagt Betty Taube. "Davor war ich oft schon im Kindernotdienst, oder nächtelang auf irgendeiner Polizeiwache. Aber ich wurde trotzdem immer wieder zu meiner Mutter zurückgegeben." Betty Taubes Fazit ihrer schwierigen Kindheit: "Wir müssen Kinder stärken, damit sie ernst genommen werden. Und damit sich endlich etwas ändert"

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 17.02.2025, 19:30 Uhr

Beitrag von Sylvia Tiegs und Anja Herr

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16 Kommentare

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  1. 16.

    Am schlimmsten finde ich, wenn man die Kinder nicht rausnimmt aus der Situation, weil man hofft, dass sie die Eltern stabilisieren sollen- zumindest etwas. So eine Perversion der Eltern- KInd- Beziehung! Eltern sollen ihre Kinder umsorgen und stabilisieren, nicht umgekehrt, das überfordert die KInder doch total! Nee, raus damit in gute Betreuung, und die Eltern sollen bitte ohne sie klarkommen bzw. trocken oder drogenfrei werden, so rum!

  2. 15.

    Hey lest, was user in Social Media posten…. Eine Antikinderstimmung in Europa. Ja, Kinder sind unser Wertvollstes! Setzen wir uns für sie ein und schaffen Schutz!

  3. 13.

    „neoliberale Blödsinn ist ihnen schon so oft widerlegt worden aber sie sind bekanntlich völlig merkbefreit„
    Was wollten Sie eigentlich Geistvolles beitragen? Fast jedes (!) Wort in diesem Satz ist gelogen. Aber auch ein gutes Beispiel, was Ihnen streitbare Meinungsfreiheit wert ist...Sie haben sich nicht nur gedanklich aus der Demokratie verabschiedet und sich den hier häufig auftretenden „Nickdieb:innen“ angeschlossen um aller Welt zu beweisen was einem unter einer linksgrünen Diktatur blüht wenn man anderer Meinung ist. Zeitenwende verschlafen?

  4. 12.

    Dieser neoliberale Blödsinn ist ihnen schon so oft widerlegt worden aber sie sind bekanntlich völlig merkbefreit.

  5. 11.

    Dito, ähnlich in meiner Familie, Vater gewalttätig und tablettensüchtig, Alkoholabusus, eine depressive Mutter und wir Kinder dem ausgeliefert, es konnte sich niemand kümmern. Ich bin Überlebender, denn im System DDR gab es für Betroffene sehr wenige Möglichkeiten, sich bemerkbar zu machen. Ich floh irgendwann direkt aus dieser Dysfunktionalität und vergaß zum Schutz alles, was davor war und begann ein anderes Leben. Erst im Alter habe ich laut darüber gesprochen und es hätte doch so viel früher mir wirklich schon helfen können, Vergangenes zu verstehen. Damals haben tatsächlich fast alle weggeschaut und keiner wollte unsere Not sehen und helfen, wir waren Kinder und mussten auch lügen für die heile Welt vor den anderen.

  6. 10.

    Ich mag sozial engagierte Menschen, aber ich kann Menschen nicht verstehen, die die Not anderer nicht konstruktiv für ihr eigenes Verhalten umsetzen können, vielleicht sind das gerade die Eltern, deren Kinder betroffen sind. Es muss ja diese Menschen irgendwo geben, die ihre Kinder als benutzbare Dinge ansehen und in ihrer Egozentrik die Kinderseelen mutwillig zerstören.
    Vielen Dank für den Einblick in Ihre intrinsischen Möglichkeiten.

    Die Frage ist nur, wenn Sie dieser Beitrag nicht berühren kann, warum kommentieren Sie dann?

  7. 9.

    Ich arbeite schon seit 40 Jahren und Vollzeit in einem Sozialen Beruf und zahle genug Steuern! Was leisten Sie?

  8. 8.

    „In solche Vereine/Einrichtungen soll und muss mehr Unterstützung fließen , auch von Stattswegen“
    Dann seien Sie sozial und unterstützen diejenigen, die das Schaffen über das Ver- u. Zuteilen stellen. An wen denke ich da wohl?

  9. 7.

    In solche Vereine/Einrichtungen soll und muss mehr Unterstützung fließen , auch von Stattswegen, denn was können die Kinder für ihre „kranken“ Eltern. Auch wäre es schön wenn Kindern von hysterischen Eltern unterstütz werden, denn dessen Auswirkungen sind nicht weniger schlimm.

  10. 6.

    Wir brauchen unbedingt mehr Minderheitsthemen... da sollten sich „Missionar:innen“ mehr dahinterklemmen. Viel zu oft werden die großen wichtigen Themen angesprochen. Viel zu oft.

  11. 5.

    Eine sehr mutige, junge Frau. Alles Gute für die Zukunft.

  12. 4.

    Anderen Mut machen und damit selbt erfolgreich werden. Finde ich gut!

  13. 3.

    Ich finde sehr mutig, kraftvoll und toll von Frau Taube, dass sie mit ihrer Kindheitsgeschichte an die Öffentlichkeit geht. Danke Ihnen! Wir müssen anfangen, das Sprechen über Suchtverhalten zu enttabuisieren. Dazu braucht es immer wieder Menschen, die das Schweigen, dass ihnen auferlegt wurde, durchbrechen. Auch Alkohol ist keine Bagatelle!

  14. 2.

    Ganz wichtig auch das gleiche mit den vielen (Dunkelfeld-)Opfern der "Pädo"-Szene. Es reicht nicht, immer wieder nur in den Nachrichten zu hören, dass wieder ein riesiger Tauschring hochgenommen wurde.

    Diese Opfer finden sich oft in Sozialtransfer-Systemen wie H4/Bürgergeld und verstehen nicht einmal, warum. Wie auch, Erinnerungen an (frühe) Kindheit verbleiben als handlungsbestimmend, nicht unbedingt als "Fotoalbum", das abrufbar oder gar belegbar wäre.

    Bedenkt auch: Sehr viele der Betroffenen, die laut werden, tun dies erst nach 30 J. So lange hat es (innerlich) gebraucht.

    Schaut immer mit Liebe auf Eure Mitmenschen und im Wissen, dass vieles unsichtbar bleibt.

  15. 1.

    Das kann ich nur bestätigen. In den 1960 Jahren habe ich auch als Kind in einem Alkoholiker Elternhaus gelebt. Bis meine Mutter sich scheiden lassen hat. Arbeite jetzt seit Jahrzehnten mit Suchtkranken Menschen