rbb exklusiv - Fast 2.000 Drogenproben im ersten Jahr - Berliner Drug-Checking überlastet

Mi 24.07.24 | 17:15 Uhr | Von Sabine Müller
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Archivbild: Drogen im Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes Berlin (Foto vom 31.08.2017: Verkaufseinheiten, auch Szene-Kugeln genannt, mit Heroin. Hier werden sie zur Untersuchung geoeffnet). (Quelle: imago/Juergen Blume)
Audio: rbb 88.8 | 24.07.2024 | Sabine Müller | Bild: imago/Juergen Blume

Seit einem Jahr können Berliner kostenlos, anonym und legal Drogen testen lassen. Das Angebot wird so gut nachgefragt, dass hunderte Menschen abgewiesen werden mussten. Von Sabine Müller

  • 1.818 Drogenproben wurden bei Drug-Checking im ersten Jahr getestet
  • 848 Warnungen wurden nach den Tests wegen zu hoher Dosierung, falscher Deklarierung oder Verunreinigung ausgesprochen
  • zu hohe Nachfrage, nicht alle Drogen können getestet werden
  • Finanzierung des Projekts in Zukunft nicht gesichert

Das neue Berliner Drug-Checking-Projekt hat im ersten Jahr großen Zulauf gehabt. Von Juli 2023 bis Juni 2024 wurden insgesamt 1.818 Proben verschiedener Drogen kostenfrei analysiert. Das geht aus der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervor, die dem rbb exklusiv vorliegt.

Aufputschmittel werden besonders häufig getestet

Zu den drei Teststellen wurden vor allem MDMA/Ecstasy, Amphetamine und Kokain gebracht. Aber auch Ketamin- und LSD-Derivate, 2C-Verbindungen, synthetische Cannabinoide und Opioide wurden analysiert. Besonders hoch war die Nachfrage im August 2023, als 284 Proben analysiert wurden. Ein paar Monate später, im Dezember, waren es dagegen nur 77.

Das Drug-Checking war nach langem Vorlauf im Juni 2023 an den Start gegangen. Nutzerinnen und Nutzer können ihre Drogen kostenlos, anonym und legal testen lassen. Geprüft wird, ob Substanzen gestreckt oder gefährlich sind. Das Ergebnis ist meist nach etwa drei Tagen abrufbar. Im Netz gibt es außerdem Warnungen vor getesteten und für gefährlich befundenen Drogen, mit Fotos.

Der älteste Kunde war 76

Die Klientel der Drogen-Teststellen ist eher jung, drei Viertel waren unter 40 Jahre alt. Doch immerhin 8,8 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer waren über 50. Der älteste Kunde war laut Senatsantwort ein 76-Jähriger, der Drogen zur Analyse brachte. Teststellenbetreiber berichten, das Publikum komme überwiegend aus der Partyszene. Mehr als 80 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer gaben an, dass sie vorher keinen Kontakt zur Suchthilfe hatten.

Das decke sich mit dem Ziel des Projekts, neue Gruppen zu erreichen und die Suchthilfe zu entstigmatisieren, sagt der Grünen-Abgeordneten Vasili Franco, der die Anfrage gestellt hatte. "Die Realität ist, dass auch illegale Substanzen konsumiert werden. Und wenn das schon passiert, soll es möglichst sicher sein, denn auch Konsumierende haben ein Recht auf Gesundheitsschutz", so Franco zum rbb.

Zum Gesundheitsschutz beitragen soll auch die Warnseite [drugchecking.berlin], die im ersten Jahr 203.087 Mal aufgerufen wurde, wie die Gesundheitsverwaltung schreibt. Veröffentlicht wurden dort 848 Warnungen, weil Drogen zu hoch dosiert, falsch deklariert oder verunreinigt waren.

Erstmal kein Geld für eine Ausweitung des Projekts

Was sich bereits zu Beginn des Drug-Checking-Projekts abzeichnete, setzte sich über das ganze erste Jahr fort: Die drei Teststellen waren überlastet. 785 Menschen mussten abgewiesen werden, also fast jeder dritte Anfragende. Der Grünen-Abgeordnete Franco wünscht sich deshalb eine Ausweitung des Projekts. Aus der Gesundheitsverwaltung heißt es allerdings, dafür sei im aktuellen Haushalt kein Geld da. "Eine Ausweitung der Angebote ist aufgrund der zur Verfügung stehenden Mittel in 2025 nicht möglich", antwortet sie auf seine Anfrage.

Franco befürchtet nun, dass die drei Teststellen ganz unter die Räder kommen könnten, weil im kommenden Jahr drastische Haushaltskürzungen anstehen. "Alle Projekte sind nicht über das Jahr 2024 hinaus gesichert. Das ist keine gute Arbeitsgrundlage für dieses Angebot." Die Gesundheitsverwaltung klingt allerdings nicht so, als wolle sie das Projekt kippen. In der Antwort an Franco schreibt sie, für den nächsten Doppelhaushalt 2026/27 wolle sie für das Drug-Checking eine Aufstockung der Mittel beantragen

Sendung: rbb 88.8, 24.7.2024, 15:30 Uhr

Beitrag von Sabine Müller

13 Kommentare

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  1. 13.

    Die 3 Annahmestellen sind jeweils nur ein Tag in der Woche geöffnet und das auch nur für 4-5 Stunden.
    Neben der reinen Annahme findet auch gleichzeitig eine Suchtberatung statt. Hier erreicht man die Konsumenten um sie aufzuklären und das Risikobewustsein zu erhöhen. Viele der Konsumenen entschieden sich die Drogen nicht zu nehmen als Sie erfuhren das sie Verunreinigungen enthalten. Das ist das Ziel des Projekts. Man schützt die Menschen vor einer Überdosis und daraus evtl folgenden Krankenhausaufenthalt oder sogar Tod. (ZB die 14 jährige Drogentote hätte nicht sein müssen)

  2. 12.

    „ Mit vermeintlich "sicheren" Drogen besteht die Gefahr, dass Konsum verharmlost wird und noch mehr zu Drogen greifen, weil es ja vermeintlich "safe" wird durch solche Programme.“
    Diese Logik folgend dürfte es nach der Einführung von Warntexten und den „netten“ Bildern auf den Zigaretten Schachteln kaum noch Raucher geben. Dem ist aber nicht so.
    Ihre Äußerung ist lediglich die Annahme einer Vermutung eines Laien oder haben sie da irgendwas zur Hand das ihre Behauptung untermauert ?

  3. 11.

    "Sollen Alkohol-Drogenkranke ihre Krk.Kosten auch selber zahlen?"
    Einen Entzug, eine Therapie, eine begleitete Nachsorgezeit bei jeder Droge auf Kosten der Allgemeinheit - Krankenkasse/Staat - Ok. Wer es dann nicht kapiert hat ist raus, auch bei Folgeerkrankungen.

  4. 10.

    Woher wollen Sie wissen, was ich meine? Im übigen lehne ich auch Alkohol und Tabak ab. Aber das tut bei dem Thema hier nichts zur Sache, hier geht es um illegale Drogen, nicht um legale (die deshalb noch lange nicht harmlos für den Köroer sind)

  5. 9.

    Betr. 24.07.24, "Berliner Drug-Checking überlastet"

    Da wird wieder Geld gespart bei den ganz armen Schweinen? Nun, die Party-Drogen-Szene ist wohl mehrheitlich eben weder mittel-, obdach- und hoffnungslos.
    Konsumenten, welche nicht im Teufelskreis von Konsum und Enzug stecken, sollten am Drug-Checking finanziell beteiligt werden.
    Finde es gut und richtig, dass, wenn schon die Substanzen nur über den Schwarzmarkt bezogen werden können, der Staat die Risiken des jeweiligen BtM durch Transparenz-Angebote minimiert

  6. 8.

    @CD.
    "Sorry, aber wer sich Drogen reinzieht, schadet damit so oder so seinem Körper, das weiß jeder."
    Dieses gilt dann aber auch für die Folgekosten. die Alkoholiker/Raucher der Allgemeinheit (Steuerzahler, Krankenkassenbeiträge) hinterlassen. "Wer sich auf Gefahr einlässt, sollte die Risiken kennen und selbst tragen." Sollen Alkohol-Drogenkranke ihre Krk.Kosten auch selber zahlen? Aber da Sie nur die BTM-Konsumenten auf dem Schirm haben, kann man von Ihnen keine diverenzierte Meinung erwarten.
    Mfg. Zopf

  7. 7.

    Stimmt. So richtig effektiv scheinen die nicht zu arbeiten. Werden ja auch von uns, dem Staat gepämmert.

  8. 6.

    Kann der rbb eventuell mal in Erfahrung bringen, wieviel Personen bei dem "Drug-Checking" involviert sind.
    Damit meine ich inkl. Entgegennahme, Transport, Analyse, Statistik.
    2ooo und schon überlastet = mit wievielen hat man denn gerechnet, mit 26?

  9. 5.

    Damit stimme ich Ihnen vollkommen zu.
    Statdessen sollte mehr in den Schule und Jugendeinrichtungen Präventiv vor Drogen und deren Schaden und Folgen aufgeklärt werden!
    Ebenso sollte dieses Geld in den langfristigen Entzug gesteckt werden.

  10. 4.

    Sorry, aber wer sich Drogen reinzieht, schadet damit so oder so seinem Körper, das weiß jeder. jetzt Steuergelder dafür zu verbraten, dass Unvernünftige weitermachen können, halte ich für nicht sinnvoll. Wer sich auf Gefahr einlässt, sollte die Risiken kennen und selbst tragen. Mit vermeintlich "sicheren" Drogen besteht die Gefahr, dass Konsum verharmlost wird und noch mehr zu Drogen greifen, weil es ja vermeintlich "safe" wird durch solche Programme.

  11. 3.

    Merkwürdige Rechnung: 1818 = fast 2000.
    Merkwürdige Interpretation völlig überlastet und erfolgreich: Bei 1818 Untersuchung innerhalb eine Jahres, das heißt nicht einmal 5 pro Tag, bei 3 Annahmestellen bedeutet das 1,7 Proben pro Tag.
    Da stellt sich allerdings die Frage nach den Kosten und der Sinnhaftigkeit.

  12. 2.

    Welche Kosten werden verursacht, wenn Menschen verunreinigte/ falsch deklarierte Substanzen konsumieren?

  13. 1.

    @rbb : Und was kostet die Stadt der Spaß?

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