Paris 2024 - Warum mit Olympia die besten zweieinhalb Wochen überhaupt anbrechen

Fr 26.07.24 | 19:58 Uhr | Von Ilja Behnisch
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Symbolbild: Scheinwerfer und Kameras sind auf die Olympiastadt 2024 Paris gerichtet. (Quelle: imago images/Arandel)
Bild: imago images/Arandel

Fußball-Europameisterschaft, Tour de France und Wimbledon — Sportfans kamen zuletzt gehörig auf ihre Kosten. Doch das alles ist nichts im Vergleich zu den Olympischen Spielen. Von Ilja Behnisch

Beginnen wir mit Fehlfarben. Also der Band. Mit Fehlfarben und ihrem Song "Grauschleier", in dem diese eine Zeile vorkommt, die das, was Olympia mit einem im besten Fall macht als Fernseh-Zeuge, so schön umfasst: "Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen."

Denn wenn sie wieder vorbei sein werden, diese 33. Olympischen Sommerspiele von Paris, wenn das olympische Feuer am 11. August und im Rahmen der Schluss-Zeremonie gelöscht wird, dann wird man die Welt wieder ein bisschen besser kennen. Und in der Regel: ein bisschen mehr lieben.

Man muss derzeit nicht sonderlich fatalistisch eingestellt sein, um überall nur Elend zu sehen. Rund um den Globus: Klimawandel, Kriege, Katastrophen. Da tut ein bisschen Abwechslung nur gut. Und wenn die Namen der Darsteller noch nicht bekannt sind, das Drehbuch dazu ist bereits geschrieben.

Vor allem als TV-Zuschauer gilt: Dabei sein ist alles

Auch bei diesen Spielen wird es wieder die Exoten geben, die sich sportlich nur marginal vom Fernseh-Zuschauer daheim unterscheiden. Exoten wie Eric Moussambani aus Äquatorialguinea, der in Sydney 2000 nur dank einer Wildcard an den Start der Schwimm-Wettbewerbe ging und sich dabei zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt auf die lange Reise machte, die eine 50-Meter-Bahn im Schwimmbecken auch sein kann. Zumindest für jemanden wie Eric Moussambani, dessen Schwimmstil einer Mischung aus Hilferuf und Jazzdance glich.

Moussambani hatte das Schwimmen überhaupt erst acht Monate vor Beginn der Spiele erlernt. In einem Becken mit einer 15-Meter-Bahn. In Sydney dann sollte er im Vorlauf über 100-Meter-Freistil gegen den Nigrer Karim Bare und den Tadschiken Farkhod Oripov antreten. Die allerdings nach Fehlstart beide disqualifiziert wurden. Weshalb Moussambani sich allein durch das Becken quälte. Unter dem tosenden Jubel der Zuschauer in der Halle. Und mit einer Zeit von 1:52,72 Minuten, was über der Weltrekord-Zeit für die doppelte Distanz lag. Manchmal ist dabei sein eben tatsächlich alles. Als TV-Zuschauer ohnehin.

Olympia als große Entschuldigung

Exotisch mutet auch so manche Sportart an sich an. Oder wann haben Sie zuletzt einen richtig schönen Wettkampf im Trampolinturnen verfolgt? Dabei lohnt sich das Weiten der Sinne. Nicht nur, weil Trampolinturnen irre ästhetisch und unglaublich athletisch ist, sondern auch, weil es zeigt, dass es immer mehr gibt als das eigene Leben, die eigenen Prioritäten.

Und dann sitzt man vor dem Fernseher und hört dem Kommentator aufmerksam zu, da er ehrfürchtig Namen von Tramponlinturn-Legenden aufsagt und ihre Erfolge. Und wenn es dann erst beginnt, wenn Randolph, Rudolph oder Fliffis gesprungen werden, und schon nach dem fünften Starter die Hybris einsetzt, die einen scheinbar erkennen lässt, dass der Grätschwinkelsprung jetzt aber nicht ganz sauber ausgeführt wurde, dann ist Olympia.

König Fußball hat den Verdrängungswettkampf der Aufmerksamkeits-Ökonomie für sich entschieden. Viele andere Sportarten und mithin viele Athleten finden im öffentlichen Alltag kaum mehr statt. Olympia ist so etwas wie die große Entschuldigung dafür. Bei Olympia schaffen es auch Randsportarten ins Rampenlicht. Durch Olympia werden vorher unbekannte Sportler zu Personen des öffentlichen Interesses. So wie der Gewichtheber Matthias Steiner, der seinen sensationellen Olympiasieg 2008 seiner verstorbenen Ehefrau widmete und die Gold-Medaille mit einem Foto von ihr in der Hand entgegen nahm.

Nicht perfekt und doch sehr, sehr schön

Oder wie die Berlinerin Lisa Unruh, die in Rio de Janeiro 2016 überraschend die Silber-Medaille im Bogenschießen gewann. Ihr Finale gegen die Südkoreanerin Chang Hye-jin schauten 7,52 Millionen Menschen. Allein in Deutschland wohlgemerkt. Nach dem Beachvolleyball-Halbfinale von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst gegen Brasilien und den beiden Finals der deutschen Fußball-Nationalmannschaften war es die beste Einzel-Quote während der Spiele vor acht Jahren. Im Bogenschießen. Und womit? Mit Recht.

Olympia ist voll von Geschichten von menschlichen Höchstleistungen und Schicksalen. Olympia ist so, wie diese Welt sein könnte. Nicht perfekt und doch sehr, sehr schön und anrührend und atemberaubend. Und nirgends so gut nachzuvollziehen wie im Fernseh-Sessel. Wo sonst kann man eben noch beim Fechten und kurz darauf beim Taekwondo oder beim Segeln sein? Oder um es mit Fehlfarben zu sagen: Ich kenne das Leben, ich habe Olympia geschaut.

Sendung: rbb24 Inforadio, 26.07.2024, 19:15 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

30 Kommentare

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  1. 30.

    Ich vermisse Vertreter der AfD-Fraktion. Wieso ist von denen keiner anwesend? Und auch z.B. Trump? Warum ist der nicht gekommen? eine Frage.

  2. 29.

    3. Versuch

    Ich schau mir ja so Zeugs normalerweise nie an. Aber gestern hab ich mich nicht mal getraut, etwas zu kochen, aus Angst, ich verpasse etwas. Die Franzosen und der Regisseur Thomas Jolly haben den Taliban, den Mullahs, Xi, Kim Yong-un, Orban, Putin, Assad, etc. mal so richtig gezeigt, wie weltoffen der Westen ist. Die Inszenierung war grandios, werden selbst die Amerikaner in LA 2028 nicht toppen können.

  3. 28.

    Die Verhöhnung vom letzten Abendmahl und Jesus als Drag-Queen hat mit Diversität nichts mehr zu tun. Es wirkte sehr befremdlich und zu viel Woke bei den Spektakel.

  4. 27.

    Während der Übertragung und danach keine Solidarisierung mit den deutschen Sportlern, die geschlossen das Boot nach einem Vorfall und die Veranstaltung verlassen haben? Wäre das in China, Russland oder Saudi Arabien passiert, wäre die Wortwahl der Reporter deftig gewesen. Das wirkt nicht gut... auf Alle.
    Die TV Wettkampfbilder zeigen lieber die Topathleten und große Sportnationen. Es ist verständlich, dass da die deutschen Sportler „hintenrunterfallen“. Aber so gar keine Bilder der Deutschen? Beispiel: Radzeitfahren der Frauen heute.

  5. 26.

    Ich danke Frankreich für die große, sensible, kulturvolle und schöne Eröffnung!
    Und ich danke dieser großen Nation für ihre Dichter, Künstler, Musiker, Philosophen und Modemacher!
    Die Eröffnung ging in die Geschichte und in unsere Zukunft, wunderschöne Bilder chreographiert!
    Liberte, Egalite, Fraterlite!

  6. 25.

    Ausrichter ist ja auch Paris. Wäre merkwürdig, wenn es sich nicht feiern würde. Ich weiß, Nationalstolz kommt in Deutschland nie gut an. Andere Länder sind aber stolz auf sich.

  7. 23.

    "Brot und Spiele" braucht der Mensch ! Show viel zu pompös und zu teuer, nicht zeitgemäß. Die Karten für gute Sitze auf der Brücke wurden für 3.000 Euro angeboten.... es geht ums Geld, Gewinne und leider auch Propaganda. Die Pierre Coubertin Gedanke und Idee: die Menschen auf der Welt sollen friedlich zusammen leben, ist durch Olympia leider nicht realisiert. Russen und Ukrainer, Israeli und Palästinenser töten sich sinnlos aber in Paris trink man fröhlich Champagner. Übrigens die Coubertins Ideen waren auch nicht ganz sauber. Er meinte: " Eine kleine weibliche Olympiade neben der grossen männlichen Olympiade ? Wo wäre da das Interesse ? Uninteressant, unästhetisch.....". (!!!)

  8. 22.

    Sie sprechen das an, was ich gestern schon kommentierte, meinen Kommentar finde ich nicht.
    Das Sport Ereignis- Olympia wurde gestern als Werbesendungsshow für Paris missbraucht.
    Hoffentlich findet es in Zukunft keine Nachahmer.

  9. 21.

    Die Jommentare sind überwiegend von Neid und Mißgunst geprägt, Flachgeistig und ungerecht.

  10. 18.

    Die gestrige Eröffnungsfeier und der heutige Vormittag sind was die Kommentatoren angeht ein Armutszeugnis. Wenn dies so weitergeht wird ein anderer Sender zum Olympia Sender.
    Es ist erschreckend dieser Niedergang der Kommentatoren, Qualität und Fachwissen verschwindet und politisch korrekte Ansager kommen.

  11. 17.

    Typisch deutsch! Man muss immer alles schlecht reden. Tolle Eröffnungsfeier und mal was anderes, als alle Nationen rund ums Stadion rennen zu lassen. Paris ist alle Mal eine Sehenswürdigkeit. Warum soll man das nicht nutzen und einfach beeindruckende Bilder zeigen. Neu, modern und spektakulär.

  12. 16.

    Ein Spektakel für die Welt, außergewöhnlich und nicht vergleichbar bisheriger Eröffnungsfeiern.
    Hoffentlich werden es saubere Wettkämpfe ohne Doping!

  13. 15.

    Ich habe mir es angeschaut, es wurde viel inszeniert, ein bisschen Größenwahn, einfach zuviel.
    Wünsche mir für die nächste Olympiade wieder ein Stadion.

  14. 14.

    Die schöne Show wäre noch besser, wenn dies für die Sportler gemacht worden wäre. So eine Art Eröffnungspartie.

    P.S. Im öffentlichen TV gibt es keine Tageszusammenfassungen mehr lt. Programmvorschau? Ob da die Wünsche der Zuschauer oder das „Vor dem Bildschirm halten“ Motive für das Programm waren? Soetwas geht nach hinten los. Ich meine das Zuschauererziehen.

  15. 13.

    Ein riesige kommerzielle Show. Das Olympiagelände und große Stadtteile sind nur mit digitalem Zwang zugänglich. Analog und manuell wird der Zugang verweigert. Obdachlose wurden energisch entfernt. Olympische Spiele die unter extrem großen Polizei- und Militäreinsatz stattfinden. Faktisch in einem digitalen Überwachungs- und Polizeistaat. Das sind dystopische Zukunftsaussichten die mich beängstigen.

  16. 12.

    Was war das für eine überwältigende Eröffnungsfeier. Besser kann man es meiner Meinung nach nicht mehr machen. Es gab so viele "Wow" Momente, dass es mir schwerfällt, irgendetwas herauszugreifen. Die künstlerische Inszenierung und deren Organisation war eine Meisterleistung sondergleichen. Danke für die wunderschönen Augenblicke. Ich habe jeden davon genossen.

    Danke an Ilja Behnisch übrigens auch für diese tollen Artikel.

  17. 11.

    Nein.

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