Theaterkritik | "Dionysos Stadt" beim Theatertreffen - Schafe, Kriege, Standing Ovations

Christopher Rüpings "Dionysos Stadt" aus München wird auch beim Berliner Theatertreffen zum Triumph. Der zehnstündige Abend blickt in vier sehr unterschiedlichen Teilen auf die griechische Antike - und bringt einer Zuschauerin sogar 50 Euro ein. Von Fabian Wallmeier
Nils Kahnwald deutet einen Sprung an. Das Publikum im Haus der Berliner Festspiele wurde gewarnt, aber als Wiebke Mollenhauer und er jetzt Hand in Hand an der Rampe stehen, sich umdrehen und tatsächlich stagediven wollen, sind die Zuschauer etwas überfordert.
Es ist Stunde anderthalb von "Dionysos Stadt", Christopher Rüpings fast zehnstündiger Antiken-Sause von den Münchner Kammerspielen, die am Samstag ihre Berlin-Premiere auf dem Theatertreffen feierte. Rüping will sich mit seiner Inszenierung den Dionysien annähern: den fünftägigen Theatergelagen, bei denen im alten Griechenland der Wein in Strömen floss. Kostenlosen Wein gibt es bei "Dionysos Stadt" zwar nicht, aber das Theaterprojekt hat die Struktur eines dionysischen Tages - drei Tragödien und ein Satyrspiel - und auch der Rausch des gemeinsamen Ausnahmeerlebnisses wird von Anfang an beschworen.
Wenn die Raucherampel grün zeigt
Dafür zuständig ist vor allem Kahnwald. Er beginnt den Abend mit einem halbstündigen Monolog. Darin führt er höchst unterhaltsam in die Regularien von "Dionysos Stadt" ein: Kahnwald erklärt zum Beispiel die Raucherampel, die es den Zuschauerinnen und Zuschauern erlaubt, für die Dauer einer Zigarette rechts vorn auf der Bühne Platz zu nehmen, wenn sie auf Grün steht. Er schwört das Publikum hintersinnig-charmant auf die Länge des Theaterabends und die Sterblichkeit des Menschen ein - und kündigt schon mal das Stagediving an.
Etwas schleppend läuft es nun, als die Ankündigung eingelöst wird: Kahnwald kommt nur mit Ach und Krach heil hinten im Zuschauerraum an - anders als in den kompakt-imtimen Münchner Kammerspielen, wo er im noch wahreren Sinne des Wortes auf Händen getragen wird. Überhaupt zündet der brillante Abend in Berlin zwar gut, aber nicht an allen Stellen ganz so phänomenal wie in München. Im zweiten Teil etwa, dem düstersten, längsten, härtesten, merkt man, dass Raum und Bühne zu groß sind.
Darin geht es um den Trojanischen Krieg, die knapp zweieinhalb Stunden sind im Kern eine Aufzählung zunächst der Schiffsflottenführer und dann der endlosen Kriegshandlungen. Von den Darstellerinnen und Darstellern in Mikrofone gesprochen und geschrien, von Schlagzeuger Matze Pröllochs zwingend vorangeknüppelt, von skizzenhaften Videoprojektionen auf das fragmentierte Bühnenbild begleitet, entwickelt dieser Teil eine gewaltige Intensität. Die ist in den Kammerspielen bis in die letzte Reihe des Rangs ungebrochen, im Festspielhaus aber droht sie schon in Reihe 10 zu zerschellen.
Wie bei Castorf, aber eigentlich auch nicht
Doch das sind mit Blick aufs große Ganze Kleinigkeiten. Das rauschhafte Erlebnis, zusammen zehn Stunden im Theater zu sitzen, bringt auch hier die Luft zum Schwingen. Es ist ein bisschen wie bei Castorf, aber eigentlich auch nicht: Am Ende von "Dionysos Stadt" sind noch erheblich mehr Menschen da als am Schluss eines langen Volksbühnen-Abends vergangener Zeiten - und im Jubel bricht sich zwar auch bei Rüping die Erleichterung darüber Bahn, dass man es nun tatsächlich geschafft hat. Der Hauptgrund für die Standing Ovations, mit denen der Abend gefeiert wird, dürfte aber ein anderer sein: Man ist Teil eines Theatertags geworden, der in jeder Hinsicht herausragend war.
Das gilt nicht nur für das Zehn-Stunden-Unterfangen als solches und seine Einbettung - das Einlasspersonal trägt altgriechisch anmutende Gewänder, in der Kassenhalle legt ein DJ auf, in den kleinen Pausen werden Obst, Nüsse und Oliven gereicht - sondern es gilt auch für die vier höchst unterschiedlichen Teile des Abends. Mindestens die ersten beiden könnten auch für sich genommen auf dem Theatertreffen bestehen.
Prometheus in den Worten von Heiner Müller
Der erste Teil gehört, nach Kahnwalds Einführung, Prometheus (Benjamin Radjaipour) - der den Menschen das Feuer brachte und von Zeus dafür bestraft wurde: An einen Fels gekettet, pickt ihm jeden Tag ein Adler seine immer wieder nachwachsende Leber aus dem Leib - und er ernährt sich von dem Kot, den der Adler auf ihn fallen lässt. Radjaipour sitzt in einem Käfig, weiße Farbe klatscht immer wieder auf ihn herab - und Zeus (Majd Feddah) steht unten, schimpft auf ihn ein und kaut Sonnenblumenkerne, deren Schalen er unablässig auf den Boden spuckt.
Später krabbeln minutenlang Darsteller mit Schafsfellen über die Bühne. Das stupide, ziel- und endlose Herumlaufen dieser Schafe betrachtet Prometheus wortlos von oben. Es markiert sein ewiges Warten - auf eine Rettung, von der er nicht wissen kann, ob sie jemals kommt. Doch das Krabbeln und Blöken ist nicht nur trist und traurig, sondern auch sehr komisch. Am Ende des ersten Teils jedoch ist Schluss mit lustig: Da erzählt Wiebke Mollenhauer noch einmal mit der klaren Eindringlichkeit von Heiner Müllers Worten die Prometheus-Geschichte. Eiskalt schallen ihre Sätze über das Jahrtausende währende Martyrium in den Saal.
Kriegsgetöse und Comedy
Mit dem zweiten Teil macht Rüping noch klarer, dass es ihm ernst ist mit seinem Stoff - und dass er ihn klug zu setzen und zu interpretieren versteht: Nach der düsteren Aneinanderreihung von Schlachten schlägt die Stunde der Frauen. Die Kriegsherrn haben nach der Schlacht nun Sendepause, Maja Beckmann, Gro Swantje Kohlhof und Wiebke Mollenhauer nähern sich nun den weiblichen, vermeintlichen Nebenfiguren an: Hekabe, Andromache, Helena und Kassandra werden hier nicht zu den eigentlichen Heldinnen hochstilisiert, sondern als dreidimensionale, komplexe, verletzliche, gefährliche Figuren verkörpert.
Der dritte Teil des Abends schlägt eine ganz andere Richtung ein: Die "Orestie" wird im Stil einer Telenovela präsentiert - samt Cliffhanger und Liebhaber im Schrank. Auf einer riesigen Leinwand ist zu sehen, was Kameras in verschiedenen Kulissen auf der Bühne filmen. Das inzestuöse, mordlüsterne Gebaren der Antike wird hier zur extrem komischen Farce. "Ihr seid echt 'ne richtig schwierige Familie", stöhnt Pylades einmal zu seiner künftigen Frau Elektra. Ja, das kann man so sagen: Zusammen mit ihrem Bruder Orest tötet sie ihre Mutter und deren Liebhaber, die zuvor ihren Vater ermordet haben, der wiederum… und so weiter. Die "Orestie" ist fantastisch gespielte - Maja Beckmann als rücksichtlose Klytaimnestra, Maja Feddah als ihr morddurstiger Liebhaber Aigisthos - pralle, derbe, aber schmerzlich abgründige Comedy.
Die Melancholie unter der aufgehenden Sonne
Im abschließenden, kurzen vierten Teil, dem im Vergleich zur Telenovela-Tragödie deutlich zurückgenommenen Satyrspiel, tritt eine heutige Gottheit an die Stelle der antiken Heroen: der Fußball. Die Darstellerinnen und Darsteller kicken auf einem breiten Streifen Kunstrasen, Matze Pröllochs trommelt dazu. Dann tritt Nils Kahnwald auf die Bühne und rezitiert eine philosophische Abhandlung über die Melancholie Zinedine Zidanes.
Endlich kommen alle zur Ruhe und ganz langsam geht eine riesige, orangerote Sonne auf. Nach dem langen Theaterabend, der schon um 14 Uhr begonnen hat, bricht allmählich der neue Tag an. Doch mit dem Blick auf die bildschöne aufgehende Sonne bleibt die Melancholie noch ein bisschen.
Eine Wette mit dem Publikum
Noch vor der Ankündigung des Stage-Divings schließt Nils Kahnwald übrigens, wie bei jeder "Dionysos Stadt"-Aufführung, eine Wette ab: Ariane, eine Zuschauerin in einer der ersten Reihen, hebt bei seiner Frage, wer wohl am Ende der zehn Stunden voraussichtlich nicht mehr da ist, die Hand. Kahnwald verspricht ihr, dass er ihr 50 Euro gibt, wenn sie doch bis zum Ende bleibt.
Mehr als neun Stunden später, mitten im Schlussapplaus, holt er den mit einem Kaugummi an die Wand geklebten Schein wieder hervor. Ariane ist noch da - sie kommt auf die Bühne und fällt ihm um den Hals. Alles richtig gemacht, Ariane.
Sendung: Inforadio, 13.05.2019, 07:55 Uhr
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