Kritik an Embargo - "Öl-Lieferungen aus Russland sollten kein Tabu-Thema mehr sein"

Fr 28.02.25 | 16:59 Uhr | Von Martin Krauß und Riccardo Wittig
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Technische Anlagen zur Rohölverarbeitung auf dem Gelände der PCK-Raffinerie GmbH am 08.07.2024. (Quelle: 08.07.2024)
Audio: rbb24 Inforadio | 27.02.2025 | Martin Krauß | Bild: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Seit zwei Jahren fließt kein russisches Öl mehr in die PCK-Raffinerie in Schwedt. Nach der Bundestagswahl sind die Forderungen nach dem Ende des Embargos lauter geworden. Laut Kritikern der Maßnahme droht der Verlust vieler Jobs. Von M. Krauß und R. Wittig

In Schwedt (Uckermark) sind in dieser Woche Forderungen laut geworden, dass eine mögliche neue Bundesregierung das Öl-Embargo gegen Russland aufheben soll. Unter anderem sprechen sich Bürgermeisterin Annekathrin Hoppe (SPD) und der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Hans-Joachim Höppner (CDU), dafür aus. Hintergrund ist nach rbb-Informationen die wirtschaftlich angespannte Situation der PCK-Raffinerie.

Bürgermeisterin: Embargo nicht nachvollziehbar erklärt

Laut Hoppe gebe es sehr viel Unverständnis über das Embargo. "Die Schwedter können nach wie vor nicht nachvollziehen, dass freiwillig ein Rohöl-Embargo ausgesprochen wurde", sagte sie dem rbb. Für das Embargo habe die Stadt keine Begründung erhalten, so die Bürgermeisterin weiter. "Außer, es hieß, dass das russische Rohöl hier in Schwedt nicht mehr benutzt werden darf, weil wir nicht wollen, dass Russland durch den Rohöl-Verkauf seine Kriegsmaschinerie finanziell weiter unterstützen kann."

Tatsächlich war das die Begründung für das Embargo: Nach dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine hatte die EU diverse Sanktionen gegen Russland und russische Personen im Dezember 2022 verhängt. Hinzu kamen weitere Sanktionen, die einzelne Mitgliedsstaaten beschlossen hatten. Die Bundesregierung entschied sich damals, zusätzlich Rohöl-Lieferungen auf dem Landweg in die Sanktionen mitaufzunehmen – was unter anderem Auswirkungen auf die PCK hatte.

"Angekommen ist bisher nicht ein Euro"

Um jedoch negative Auswirkungen sowohl für die PCK als auch für andere Unternehmen, die mit der Raffinerie zusammenarbeiten, möglichst gering zu halten, wurden unter anderem neue Lieferketten ermöglicht und Fördermittel zugesagt. Doch die Förderungen sollen nicht erfolgt sein, wie es nun aus dem PCK-Betriebsrat heißt. "Angekommen ist bisher nicht ein Euro. Man kann da wohl sagen, dass man uns ein Märchen aufgetischt hat, denn mittlerweile glaubt hier keiner mehr daran, dass diese Gelder überhaupt jemals fließen werden", antwortete Danny Ruthenburg, Vorsitzender des PCK-Gesamtbetriebsrates, auf Anfrage dem rbb.

Im Bezug auf dieses Embargo sind laut Ruthenburg politische Zusagen über Fördermittel in Höhe von 400 Millionen Euro an die PCK gemacht worden, um die Versorgung von alternativen Rohölen über den Rostocker Hafen zu sichern.

Die Bundesregierung hatte die genannte Summe zur Ertüchtigung der Pipeline zwar bewilligt und auch im Bundeshaushalt eingestellt, jedoch hatte die EU diese Förderung untersagt. Grund dafür ist nach rbb-Informationen, dass dadurch die Unternehmensinfrastruktur gefördert werden würde. Laut europäischem Recht ist dies jedoch nur möglich, wenn sich das Unternehmen ebenfalls an den Kosten beteiligt. Da das bislang nicht erfolgt ist, können die 400 Millionen Euro weiterhin nicht ausgezahlt werden.

Es sei daher zu begrüßen, dass die Kommunalpolitik jetzt ihre Forderungen zum Embargo kommunizieren, so Ruthenburg weiter. "Mögliche Öl- und Gaslieferungen aus Russland sollten kein Tabu-Thema mehr sein." Diese seien nicht nur für Schwedt und Ostdeutschland wichtig, sondern würden auch zu einer starken Wirtschaftsfähigkeit Deutschlands beitragen.

PCK-Beschäftigte fordern Rückkehr zu russischem Öl

Mitglieder von Aufsichtsrat und Betriebsrat der PCK-Raffinerie in Schwedt forderten inzwischen auch in einem Brief an die Landesregierungen von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt eine Aufhebung der Embargos von russischem Öl und Gas. Als Grund führen sie die schwierige wirtschaftliche Lage des Unternehmens an, wie die "Märkische Oderzeitung" [Bezahlinhalt] am Freitag berichtete. Regierungssprecher Florian Engels bestätigte dem rbb den Eingang des Briefes. Das Schreiben weise zurecht auf kritische Punkte hin, sagte Engels. Die Sorgen des Betriebsrates nehme man ernst. Ministerpräsident Woidke (SPD) werde sich in den kommenden Tagen mit PCK-Vertretern treffen.

In dem Brief im Namen der Belegschaft werden die Regierungschefs um Hilfe gebeten. Die Rückkehr zu russischem Öl und Gas dürfe kein Tabu-Thema mehr sein, heißt es, weil sonst die Zukunft der Raffinerie in Gefahr sei. Die Beschäftigten kritisieren auch schleppende finanzielle Unterstützung durch den Bund.

Schwedter CDU-Politiker: Zukunft des Werkes steht in Frage

Der CDU-Stadtverordnete Hans-Joachim Höppner sieht neben der PCK-Raffinerie auch andere Unternehmen in Schwedt durch den Import-Stopp gefährdet. Entsprechende Sorgen wolle man auch der kommenden Bundesregierung zutragen. "Die Sorgen liegen darin, dass, wenn die Rohöl-Belieferung für die PCK nicht wieder mal auf 100 Prozent kommen, wird es für das Unternehmen dramatisch werden", sagte Höppner dem rbb. "Man wird Arbeitsplätze verlieren und die Zukunft des Werkes steht in Frage."

Die PCK wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Bislang hieß es vom Unternehmen, dass die Auslastung trotz des Embargos gegen Russland zwischen 70 und 80 Prozent liege.

Stimmung im Unternehmen sei angespannt

Das sei weiterhin der Fall, erklärte dazu Betriebsratsvorsitzender Ruthenburg. Jedoch seien die Kosten für das Unternehmen gleich geblieben. "Die Stimmung im Unternehmen ist sehr angespannt, die Unternehmensführung hat ein Einstellungsstopp ausgesprochen und Streichungen von insbesondere übertariflichen Leistungen angekündigt", so Ruthenburg.

Daher stimme es, dass sich die Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze Sorgen machen würden, sagte der Betriebsratsvorsitzende weiter. Hinzu komme, dass unter anderem Investitionen am Standort "extrem heruntergefahren" worden seien, was auch Partnerunternehmen zu spüren bekämen. "Es wird aus unserer Sicht immer vergessen, dass es nicht nur um die Arbeitsplätze bei uns direkt in der Raffinerie geht, sondern dass insbesondere Arbeitsplätze unserer Partnerfirmen als auch in der Region betroffen sind", so Ruthenburg.

Unternehmensvereinigung: Aufhebung des Embargos löst Probleme nicht

Eine ähnliche Sorge treibt auch die Unternehmensvereinigung Uckermark um: "Das Öl-Embargo hat zu einem plötzlichen und unerwarteten Anstieg der Produktionskosten in der Raffinerie geführt. Seitdem muss die Raffinerie Einsparungen vornehmen, um die Mehrkosten zu kompensieren. Dies bekommen vor allem die Mitarbeiter, Kontraktoren und Lieferanten der PCK in Schwedt zu spüren", teilte Präsidiumsmitglied Paul Fürstmann auf Anfrage mit. Die eigeleitete Transformation ohne klares Ziel führe durch wechselnde politischee Vorgaben zu einer Verunsicherung der regionalen Wirtschaft.

"Eine Aufhebung des Öl-Embargos würde aktuell die vielschichtigen Probleme des Industriestandorts Ost-Uckermark nicht lösen", so Fürstmann weiter. Wichtiger seien neue und modernisierte öffentliche Strukturen und Dienstleistungen wie Industriegebiete, Berufschulen oder Zuganbindungen.

Auch Brandenburgs neuer Wirtschaftsminister Daniel Keller (SPD) zeigte sich offen, über die Aufhebung der Sanktionen nachzudenken. Aber: "Für uns als SPD auch im Land Brandenburg ist klar, es kommt auf die Reihenfolge an. Es muss erst Frieden geben und erst danach können Sanktionen gelöst werden", sagte Keller dem rbb.

Sendung: rbb24 Inforadio, 27.02.2025, 17:45 Uhr

Beitrag von Martin Krauß und Riccardo Wittig

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113 Kommentare

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  1. 113.

    Und wer andere beleidigt hat keine Argumente mehr, oder wie heißt es so schön "was ich selber denk und tu traue ich auch jedem anderen zu. "

  2. 112.

    Lesen Sie keine Zeitung? Der Wasserstoff Hype ist ausgeträumt. Die Folge ist eine Vielzahl von Pleiten, man kommt beim Aufzählen gar nicht hinterher. Die grüne "Transformation" ist ein grünes Hirngespinst und scheitert an den wirtschaftlichen Realitäten. Mein Vorschlag: Statt ideologiegetriebener Großprojekte bräuchte es einen pragmatischen Ansatz in der Energiepolitik mit überschaubaren Risiken und nicht einen durch extrem hohe Subventionen aufgeblasenen künstlichen Markt, der wie Schlagsahne zusammen gefallen ist.

  3. 111.

    So sieht es aus. Der NATO-Stellvertreterkrieg, der die Ukraine vollkommen zerstören wird, wenn sie sich nicht endlich mit Russland einigt, wird auch Deutschland schweren Schaden zufügen. Lachender Dritter sitzt im Weißen Haus.
    Je länger der Krieg dauert um so höher wird der Preis für alle Beteiligten. Aber Russland hat im Gegensatz zu seinen Gegnern enorme Ressourcen an Menschen und Material.

  4. 109.

    Sind sie ein Russe? Oder warum verbreiten sie hier uralte Lügen?

  5. 108.

    Warum Putintrolle und AfD-Volkstümelanten das nicht verstehen ist ganz einfach zu beantworten:
    Dicke wissen dass sie dick sind, kleine Menschen wissen auch, dass sie klein sind,
    die Dummen sind halt ahnungslos.......

  6. 107.

    An wen genau soll die Ukraine die Reparatur bezahlen?

  7. 106.

    Russland führt einen menschenverachtenden,brutalen Angriffskrieg, gegen ein friedliches, demokratischen Staat. Jeder Habdel mit diesem totalitären, menschenverachtenden Russland muss verboten sein,bis dieses obligatorische System verschwunden ist.

  8. 105.

    Sehe ich genauso! Deutschland muss verteidigungsfähig sein, dann werden wir auch nicht angegriffen (auch wenn Russland bereits europäische Strom- und Datenkabel in der Ostsee beschädigt, was auch eine Form der Kriegsführung ist).

  9. 104.

    Ich weiß jetzt nicht, auf wen Sie antworten, weil kein Betreff existiert; jedoch sehe ich eine Übereinstimmung mit meiner Sicht, geschrieben im Beitrag Nr. 58. Dieses Tatsache geht gemeinhin unter, ohne das jeweils zu "verrechnen" oder gar als Begründung für den Krieg anzusehen. Ein Teil der Konfliktlage zwischen der Ukraine und Russland ist es gewiss und daher kann es auch ein Teil der Lösung sein, wenn die Beteiligten es so wollten.

    Deutschland hätte aufgrund seiner jüngsten Geschichte sehr wohl das Potenzial, hier deeskalierend einzugreifen, blieb aber in seinen Stellungnahmen weit darunter. Allenfalls Steinmeier hat 2016 - als seinerz. Außenminister - das U K als Vorbild für einen Staatsaufbau genannt. Das war allerdings noch vor der Brexit-Entscheidung, deshalb war es danach faktisch vom Tisch.

    Zu spät für eine jetzige Verhaltensänderung?

  10. 103.

    Weder ist Russisch in der Ukraine verboten, noch das Christentum. Was Russland aber gerade in der Ukraine macht ist töten und foltern mit dem Ziel, die Ukraine von der Landkarte zu tilgen. Russland bekämpft Europa und damit auch Deutschland. Ich verstehe nicht, wieso die AfD und andere Putinisten Deutschland bekämpfen.

  11. 102.

    Hallo, Peter (37),
    "...Ihnen ist es also lieber, wenn wir dem Diktator, der unser demokratisches Nachbarland angreift, weiterhin Öl abkaufen, damit er seinen Krieg gegen unsere Verbündeten weiterführen kann?..."
    Sie haben es offenbar immer noch nicht begriffen:
    Ob wir weiterhin nutzlose Sanktionen gegen Russland verhängen oder nicht, ist Putin egal. Er lacht sich ins Fäustchen. Es wird ihn dank anderer Unterstützer nie in die Knie zwingen. Und was ist mit Polen und Ungarn? Die ignorieren europäische Sanktionen und machen schon immer ihr eigenes Ding mit Russland. Und dann ist da noch Putins neuer bester Kumpel Trump. Wenn´s nach dem ginge, hätte er die Ukraine für Best-Deals schon aufgeteilt.
    Also: Eher geht Dt. wirtschaftlich den Bach runter, als dass unsere Sanktionen irgendwelche Auswirkungen auf Putin/Russland hätten. Hat Ähnlichkeit zu Selenskyjs Meinung, dass die Ukraine das riesige Russland besiegen kann/wird. Mancher leidet eben unter Realitätsverlust...

  12. 101.

    Können Sie das bitte näher erläutern? Danke!

  13. 100.

    Wie voraus gesagt, die Sanktionen schaden nur Deutschland!
    Darum muss die Neue Regierung die Sanktionen sofort beenden, sonst hat die AFD bald die absolute Mehrheit!!!

  14. 99.

    Merken sie gar nicht, dass siehe Behauptungen aufstellen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben?
    Russland hat verhandelt und zwar sofort nach Beginn des Einmarsches. In Istanbul lag bereits im Frühjahr 22 ein unterschriftsreifer Vertrag vor, der die Neutralität der Ukraine beinhaltete. Wenn sie das nicht glauben, dann suchen sie wenigstens danach. Es war der Westen, der einen Rückzieher gemacht hat. Auch das ist bewiesen!

  15. 98.

    Nein, da muss ich Ihnen widersprechen. Die Minderheitsrechte wurden nachweislich in der Ukraine nicht gewahrt. Gab dazu eine interessante Doku auf Phönix vor gut 5 Jahren. Man begann, der russischen Minderheit die Sprache zu verbieten, verbot Zeitungen in der der Sprache, schränkte die Religion ein, nahm die russische Kultur weg usw. Wenn wir das hier in Deutschland mit den Sorben oder Ostfriesen usw machen wurden..... Belesen sie sich zu diesem Thema bitte....

  16. 97.

    Wer glaubt, dass eine Raffinerie für fossiles Rohöl eine Zukunft hat, hat den Schuss nicht gehört, erst recht wenn es zudem aus Russland kommen soll. Der Bund ist vor allem in der Verantwortung, die Besitzverhältnisse zu klären. Die Stadt Schwedt muss sich aber selber auch Gedanken über eine postfossile Zukunft ohne die fossile Raffinerie machen. Hier findet man aber knapp drei Jahre nach Ankündigung des Importstopps nur Gejammer. In Leuna ist man offensichtlich weiter.

  17. 96.

    Wer glaubt, dass eine Raffinerie für fossiles Rohöl eine Zukunft hat, hat den Schuss nicht gehört, erst recht wenn es zudem aus Russland kommen soll. Der Bund ist vor allem in der Verantwortung, die Besitzverhältnisse zu klären. Die Stadt Schwedt muss sich aber selber auch Gedanken über eine postfossile Zukunft ohne die fossile Raffinerie machen. Hier findet man aber knapp drei Jahre nach Ankündigung des Importstopps nur Gejammer. In Leuna ist man offensichtlich weiter.

  18. 95.

    Aber Ihr habt schon gehört, dass und die erneuerbaren - bei denen wir im weltweiten Trend liegen - vom russischen Imperialisten unabhängig machen, oder? Und die PCK hat eine Lösung. Da wird auf sehr hohem Einkommensniveau gejammert. wie die Unternehmensvereinigung Uckermark feststellt, geht es auch hier um eine Transformation.

  19. 94.

    Die Sanktionen der EU werden ständig erweitert und haben wohl Auswirkungen auf Russland und dessen Kriegswirtschaft! Hierzu kann man sich gut im Internet informieren.