#Wiegehtesuns | BVG-Warnstreik für Rollstuhlfahrerin - "Am ersten Streiktag bin ich 4,5 Kilometer mit dem Rollstuhl gefahren"

Do 20.03.25 | 12:39 Uhr
  7
Daliah steht vor einem S-Bahnhof in Berlin (Quelle: rbb/ H. Daehler)
Video: rbb24 Abendschau | 19.03.2025 | Helena Daehler & Christian Titze | Bild: rbb/ H. Daehler

Daliah ist Rollstuhlfahrerin und fährt in der Regel mit der U7 zur Arbeit. Wenn die BVG streikt, muss sie in Berlin viele Hürden überwinden und lange Umwege in Kauf nehmen. Für den Streik hat die 31-Jährige trotzdem auch Verständnis.

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Alltag gerade aussieht - persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Ich arbeite als Bürokraft in Wilmersdorf und wohne nahe am U-Bahnhof Deutsche Oper. Weil es dort keinen Fahrstuhl gibt, fahre ich jeden Tag bis zur Bismarckstraße. Dort nehme ich dann die U7 bis zur Blissestraße und von dort ist es bis zu meinem Arbeitsplatz nicht mehr weit. Normalerweise klappt das ganz gut und dauert von Haus zu Haus etwa 20 Minuten. Seit anderthalb Jahren fahre ich diesen Weg zur Arbeit und bin froh darüber, dass ich ihn eigenständig bewältigen kann.

Beim ersten BVG-Warnstreik wusste ich nicht so recht, wie ich am besten zur Arbeit komme und bin die ganze Strecke, 4,5 Kilometer, mit dem Rollstuhl gefahren. Das hat sich ganz schön gezogen und war auch anstrengend. Wenn ich einen so langen Weg mit dem Rollstuhl zurücklege, stoße ich auf viele Hindernisse. Das können hohe Bordsteinkanten, gepflasterte Wege mit Schlaglöchern, Baustellen oder zugeparkte Gehwege sein.

Für den erneuten Warnstreik der BVG habe ich mir nun eine Route mit der S-Bahn gesucht. Ich kann ab S-Bahnhof Charlottenburg über Westkreuz und dann mit der Ringbahn fahren. Ich muss danach zwar mehrere Hundert Meter wieder mit dem Rollstuhl zurücklegen. Aber es ist definitiv einfacher, als die gesamte Strecke mit dem Rollstuhl zu machen.

Ich verstehe die Forderungen, aber für mich als Rollstuhlfahrerin bedeutet jeder Streik eine enorme Herausforderung.

Daliah aus Berlin

Anstatt bereits um 7 Uhr starte ich aber später, denn an Warnstreik-Tagen ist die S-Bahn morgens oft so voll, dass für mich und meinen Rollstuhl kein Platz mehr ist. Das ist manchmal auch bei der U-Bahn so. Ich muss auch immer vorher schauen, ob alle Fahrstühle wirklich funktionieren, denn oft sind sie kaputt. Im Netz gibt es aber eine zuverlässige Übersicht, die ich vor so einer Fahrt checke.

Sollte doch mal ein Fahrstuhl nicht funktionieren, könnte ich den Muva-Bus der BVG rufen. Dieser wird auch nicht bestreikt. Das ist gut zu wissen.

Generell bin ich als Rollstuhlfahrerin in Berlin sehr zufrieden. Vor 12 Jahren bin ich aus dem Sauerland hergezogen, weil ich in die Großstadt wollte. Ich genieße die vielen Angebote, die es hier gibt. In meiner Freizeit treffe ich mich gerne mit Freunden oder gehe zum Basketball. Manchmal fällt mir aber auf, dass Menschen nicht genau wissen, was "barrierefrei" bedeutet. Auf die Frage, ob ich als Rollstuhlfahrerin in ein Lokal kommen kann, wurde mir schon mal gesagt: "Ja das geht, es sind nur ein paar Stufen."

Für den BVG-Warnstreik habe ich grundsätzlich Verständnis. Es geht darum, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Geld kriegen. Ich verstehe die Forderungen, aber für mich als Rollstuhlfahrerin bedeutet jeder Streik eine enorme Herausforderung.

Gesprächsprotokoll: Helena Daehler

Sendung: rbb24 Abendschau, 19.02.2025, 19:30 Uhr

Nächster Artikel

7 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 7.

    Natürlich habe ich auch Verständnis für die Forderungen nach mehr Geld. Auch einen Streik kann ich völlig nachvollziehen - zumal er als ein Grundrecht verbrieft ist ... Aber es gibt Grenzen !!! Beide Seiten benehmen sich inzwischen m. E. wie kleine Kinder, bei denen niemand (mehr) bereit ist, auf den Anderen zuzugehen ! Immerhin werden hier 75% des hauptstädtischen ÖPNV lahmgelegt - das Ganze also auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen ! Bei allem Verständnis für die Forderungen - zur Steigerung des Ansehens der BVG tragen diese (inzwischen übertriebenen) Streikmaßnahmen ganz sicher NICHT bei !!! Das Schlimmste daran ist aber, dass das Ansehen der BVG schon seit vielen Jahren nicht mehr besonders hoch ist.
    Der Service, welchen man vom ÖPNV in Berlin erwarten dürfte, ist seit langer Zeit einfach nur mangelhaft. Dass sich dies mit mehr Gehalt ändert, darf wohl angezweifelt werden !

  2. 6.

    Und wobei sollen die Nachbarn helfen, wenn eine Frau im Rollstuhl nicht zur Arbeit kommt? Die Frau ist nicht hilfsbedüftig, ihr einziges Problem ist die fehlende Barrierefreiheit des ÖPNV. Rollstuhl ist nicht gleichbedeutend mit hilflos .

  3. 5.

    Ich bin selbst Rollstuhlfahrer und weiß leider zu gut, wie schwer es ist voranzukommen, wenn alles still liegt. Ich musste leider auch schon mal eine längere Strecke mit meinem Rollstuhl zurücklegen, da es keine andere Möglichkeit gab wohin zu kommen. Daher Hut ab.

  4. 4.

    Kleiner Tipp: einfach mal bei
    Nebenan.de anmelden. Hier helfen Nachbarn anderen Nachbarn. Somit ist man nicht allein mit seinen Problemen.

  5. 3.

    Daliah, Hut ab.

  6. 2.

    Hut ab! Das ist ne ordentliche Strecke im manuellen Rolli. Ich brauche nach zwei Kilometern ne große Brause.
    Aber besser, man ist fit, wenn man die BVG braucht. Die Umwege sind beeindruckend

  7. 1.

    Hut ab!