Interview | Füchse-Trainer Jaron Siewert - "Da haben wir wirklich im Moment gelebt"

Jaron Siewert ist seit 2020 Trainer der Füchse Berlin. Fünf Jahre später spielen die Berliner um die Meisterschaft mit und wollen am Mittwoch ins Viertelfinale der Champions League einziehen. Im Interview spricht Siewert über den Saisonendspurt.
rbb|24: Herr Siewert, erstmal Glückwunsch zum Sieg gegen Hamburg. Die Tabellenführung haben Sie damit zurückerobert. Wie geht es Ihnen heute Morgen?
Jaron Siewert: Danke! Eigentlich wie nach jedem Sieg. Ich bin natürlich glücklich und starte so leichter in den neuen Tag mit neuen Aufgaben, als wenn ich mich über das Vergangene ärgere.
Wie fällt Ihr Fazit vom Spiel aus? Es war ja zwischenzeitlich ein bisschen hektisch.
Am Anfang haben viele Zwei-Minuten-Strafen unseren Spielrhythmus gebrochen. Aber dann konnten wir uns auf sechs Tore absetzen und hatten alles unter Kontrolle. Ähnlich war es in der zweiten Halbzeit, aber Hamburg hat nie aufgegeben. Wir haben ein paar unglückliche Abschlüsse nicht unterbringen können, deshalb wurde es nochmal unnötig eng für den Spielverlauf. Aber am Ende sind wir natürlich happy, unsere Aufgabe erledigt zu haben.
Nun stehen noch zehn Saisonspiele an. Gegen die Konkurrenten Hannover und Melsungen sogar mit Heimvorteil. Ich überrumpele Sie direkt mal: Was sind Ihre Gedanken zu einer potenziellen ersten Füchse-Meisterschaft der Vereinsgeschichte?
Das ist alles noch Zukunftsmusik. Würden wir mit sechs Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze stehen und nur noch ein Duell gegen den direkten Verfolger bestreiten müssen, dann wäre es etwas anderes. Aber wir sind punktgleich mit dem Tabellenzweiten und auf den dritten Platz sind es auch nur zwei Punkte. Der Gedanke über eine eventuelle Meisterschaft der Füchse Berlin ist deshalb viel zu verfrüht. Wir haben uns so entwickelt, dass wir ein Wörtchen mitreden können und darüber freuen wir uns. Aber das ist jetzt erstmal eine Momentaufnahme.
Schauen wir auf die Champions League. Das Playoff-Hinspiel in Kielce letzte Woche haben Sie mit 33:27 gewonnen. Ihr Ziel war es, die beste Ausgangsposition für das Rückspiel rauszuholen. Ist das nun die beste Ausgangssituation?
Nach dem Spielverlauf absolut. Die sechs Tore sind schon das Beste, was wir aus diesem Spiel rausholen konnten. Aber sechs Tore sind auch trügerisch. Das ist kein sehr gutes Polster, wie es acht, neun oder zehn Tore wären. In so einem Rückspiel liegt man schnell mit drei hinten. Und Kielce hat schon größere Rückstände aufgeholt in diesem Wettbewerb. Sie sind kein klassischer sechster Platz in der Champions League. Sie haben viel Qualität auf allen Positionen und einen sehr guten Trainer. Kielce definiert ihre Saison über die Champions League. Deshalb sind wir gewarnt und gehen das Spiel so an: Es steht 0:0 und wir wollen das Spiel gewinnen.
Haben Sie Ihre Mannschaft nach dem Hinspiel so direkt eingefangen oder wurde da trotzdem erstmal gefeiert?
Das Handballgeschäft ist so schnelllebig, die Spiele kommen Schlag auf Schlag. Da habe ich gesagt: Heute ist der Zeitpunkt, diesen Moment zu genießen. Da haben wir nicht an Hamburg gedacht und auch nicht an das Rückspiel, sondern da haben wir wirklich im Moment gelebt, bis wir am nächsten Morgen aufgewacht sind.
Wie sorgen Sie danach dafür, dass Ihre Spieler sich nicht auf dieser ja trotzdem recht komfortablen Ausgangssituation ausruhen?
Wir haben grundsätzlich einen Spirit in der Mannschaft entwickelt, dass Siege sehr gut eingeordnet werden. Das große Ziel wird kurzfristigen Erfolgen nicht untergeordnet. Uns allen ist bewusst: Das ganz Große kommt immer erst am Ende der Saison.
Es ist Ihrer Mannschaft in den letzten Wochen gelungen, auch in Rückstand und hitzigen Spielen einen kühlen Kopf zu bewahren. Ist das die wichtigste Zutat für den Erfolg momentan?
Ja, sicherlich. Es ist ein Erfahrungsprozess über die letzten Saisons. Bei den Spielern und bei uns als Trainerteam. Wir haben uns von Saison zu Saison besser kennengelernt und uns intensiv miteinander auseinandergesetzt. Das steigert auch das Selbstbewusstsein und gibt die nötige Ruhe.
Sie haben nach dem Hinspiel von einer sehr hitzigen Atmosphäre in Kielce gesprochen. Kann die Stimmung in Berlin am Mittwoch da denn mithalten?
Davon gehe ich aus. Allein zahlenmäßig sollte es im Fuchsbau ähnlich laut oder sogar lauter werden. Wir haben gute Fans und ich glaube auch den Fans ist die Bedeutung dieses Spiels bewusst. Der weitere Weg in der Champions League soll geebnet werden.
Nochmal zu Ihnen, Herr Siewert. Sie wurden mit 26 Jahren der jüngste Trainer der Handball-Bundesliga, sind seit 2020 bei den Füchsen und leisten offensichtlich gute Arbeit. Das hat auch Stefan Kretzschmar, Sportvorstand der Füchse, kürzlich betont und außerdem kritisiert, dass Sie in der Öffentlichkeit zu wenig Respekt für Ihre Leistung erhalten würden. Stimmen Sie ihm dazu?
Ich suche die mediale Aufmerksamkeit nicht unbedingt und benötige die mediale Bestätigung nicht. Ich versuche, meine Arbeit, die Arbeit des Vereins und die Arbeit der Mannschaft für sich sprechen zu lassen. Und wenn das jetzt mal Anerkennung oder Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, dann ist das super. Aber ich verfolge das jetzt nicht wirklich.
Was macht das mit Ihnen, solche Worte von so einer Handball-Legende?
Ich stehe im täglichen Austausch mit ihm und deshalb ist mir bewusst, was ihm an mir liegt. Natürlich freut es mich, wenn eine so erfahrene Persönlichkeit im deutschen Handball lobende Worte für mich findet. Aber auch das muss man einordnen. Im Falle des Erfolgs gibt es viele Krankheiten. Die eine Krankheit ist Zufriedenheit und die andere Krankheit ist Egoismus. Diesen beiden Krankheiten darf man sich auf jeden Fall nicht hingeben. Und man darf sich selbst nicht wichtiger nehmen als das Team. Und da sind wir alle - Spieler und Trainer – in dieser Saison sehr gut drin.
Zum Abschluss noch eine Frage zu Mathias Gidsel, der vergangene Woche erneut zum Welthandballer ausgezeichnet wurde. Gab es Geschenke vom Team?
(lacht) Diese Anerkennung für ihn von Experten, von Trainern, aber auch von Fans freut uns alle natürlich sehr. Natürlich haben wir ihn beglückwünscht, aber extra Geschenke wurden da nicht verteilt. Vielleicht hat er ja noch das ein oder andere Geschenk für seine Mitspieler. Aber er ist extrem bodenständig und das, was ich gerade gesagt habe, trifft auch auf ihn zu. Er kann das alles sehr gut einordnen und gibt sich diesen Einzel-Erfolgen nicht hin, sondern arbeitet in diesem Jahr schon wieder daran, im nächsten Jahr wieder Welthandballer zu werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview wurde geführt von Antonia Hennigs.
Sendung: rbb24 Inforadio, 31.03.25, 9:15 Uhr
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