Bundestagsneuling Stella Merendino - Von der Rettungsstelle ins Parlament (und zurück)
Krankenpflegerin Stella Merendino ist die Neue: im Bundestag, in der Linken - in der Politik überhaupt. Statt in der Berliner Krankenhausbewegung will die 30-Jährige nun als Abgeordnete für ein besseres Gesundheitswesen kämpfen. Von Sebastian Schöbel
Ihr politische Herkunft trägt Stella Merendino an diesem besonderen Tag auf der Haut: Unter dem lindgrünen Blazer, den sie für ihre allererste Bundestagssitzung ausgesucht hat, blitzt ein T-Shirt mit den Buchstaben "HUK RST" hervor, das steht für Humboldt-Krankenhaus, Rettungsstelle, dazu die gezackte Linie eines EKGs. Hier hat Merendino jahrelang als Krankenpflegerin in der Notaufnahme gearbeitet.
Das T-Shirt ist eine Erinnerung an ihre Zeit als Sprecherin der Berliner Krankenhausbewegung, mit der sie während der Coronapandemie für einen Entlastungstarifvertrag kämpfte. "Reizend" steht in großen Buchstaben auf dem Rücken, dazu das Warnzeichen für Gefahrenstoffe.
Erst seit 2023 bei den Linken
Nun sitzt Merendino im Bundestag, als eine von fünf Berliner Linken-Politiker:innen. Ihren eigenen Wahlkreis in Berlin-Mitte verlor die 30-Jährige nur knapp, von der grünen Siegerin Hanna Steinmüller trennten sie nur etwas mehr als 2.000 Stimmen. Ein beachtliches Ergebnis für einen politischen Neuling: In die Linke ist Merendino erst 2023 eingetreten, als die Partei mit Sahra Wagenknecht brach. Auf einem Parteitag im November 2023 wurde sie persönlich dafür auf der Bühne gefeiert, fast so, als stehe sie stellvertretend für den Neuanfang der Linken in der Ära nach Wagenknecht.
Die vorgezogene Bundestagswahl war allerdings auch so etwas wie ihr Debüt: Um ein Amt hatte sie sich bis dahin noch nie beworben. "Politik ist eigentlich gar nicht meins, ich möchte gerne bei meinen Kolleginnen bleiben ", habe sie damals ihren Parteigenossen erzählt, die sie zur Kandidatur regelrecht überreden mussten. Irgendwann sagte sie dann doch Ja. "Es wird uns niemand etwas schenken, wenn wir nicht in die Politik gehen und selbst dafür kämpfen. Deswegen mache ich das hier." Merendino bekam direkt Listenplatz 5 und profitierte am 23. Februar vom starken Abschneiden der Linken in Berlin.
Am liebsten in den Gesundheitsausschuss
Geboren wurde Merendino im polnischen Danzig, aufgewachsen ist sie im Wedding, der heute zu ihrem Wahlkreis gehört. Über die harte Arbeit in der Notaufnahme hat sie immer wieder berichtet. Bis zur Erschöpfung werde dort gearbeitet, oft in Unterbesetzung und selten wertgeschätzt. Und zwar schon vor Corona: "Die Pandemie war nur die Kirsche auf dem Schutthaufen", sagte Merendino einmal der "Berliner Morgenpost".
Diese Erfahrungen wolle sie nun in das deutsche Parlament tragen, am liebsten in den Gesundheitsausschuss. Erfahrene Politiker:innen dort wüssten viel über die Theorie. "Ich bringe die Praxis", sagt Merendino selbstbewusst. Ihr erstes Ziel: Die Fallpauschalen im Gesundheitswesen müssen weg. "Krankenhäuser sind keine Konzerne und sollten keinen Profit mit kranken Menschen machen."
Angst, zwischen den Platzhirschen auch in der eigenen Partei an den Rand gedrückt zu werden, habe sie nicht. "Ich habe auch schon Polytrauma-Reanimationen neben leicht cholerischen Ärzt:innen überstanden", so Merendino im Morgenmagazin der ARD.
Nicht komplett weg aus der Notaufnahme
Vorbereitet für den Job als Bundestagsabgeordnete wurde Merendino von einer Ikone der Linken: Petra Pau, die gerade erst als dienstälteste Vizepräsidentin aus dem Bundestag ausschied. "Ihr wichtigster Rat war, nicht zuzulassen, dass ganz viele Menschen an einem zerren, und nicht vorschnell zu entscheiden", sagt sie.
Den Kontakt zum echten Leben außerhalb des Parlaments will Merendino aber nicht verlieren. "Ich freue mich, dass ich ab Mai wieder eine Schicht in der Notaufnahme arbeiten kann, ich bin also nicht komplett weg vom Fenster".
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