Kaufsucht - "Es ging mir nicht um die Ware, sondern um den Glücksmoment"

So 23.03.25 | 08:01 Uhr | Von Linh Tran und Marie Steffens
  28
Symbolbild:Menschen mit vollen Einkaufstaschen gehen an den Geschäften in der Tauentzienstraße vorbei.(Quelle:picture alliance/dpa/M.Skolimowska)
picture alliance/dpa/M.Skolimowska
Audio: Radio3 - Deep Doku | 22.03.2025 | Linh Tran und Marie Steffens | Bild: picture alliance/dpa/M.Skolimowska

Baris aus Berlin-Moabit hat jahrelang online eingekauft, obwohl er kein Geld hatte. Insgesamt hat er über 100.000 Euro Schulden gemacht und musste Insolvenz anmelden. Die Ursache: Kaufsucht - um überhaupt noch Glück zu empfinden. Von Linh Tran und Marie Steffens

Besucht man Baris* in seiner Wohnung in Berlin-Moabit, würde man nicht denken, dass dieser Mann ein finanzielles Problem hat. Die Einrichtung ist minimalistisch, alles ist ordentlich. Nur ein Raum fällt auf: Hier stapeln sich auf wenigen Schränken Blu-Rays, alte Spielekonsolen und ein paar Klamotten. All die Dinge erinnern ihn an etwas, das er lange Zeit geheim halten wollte: an seine Kaufsucht.

Der 37-Jährige wächst hier mit einem Bruder, einer Schwester und seinen Eltern auf. Sein Bruder und er sind lange ein Team - vor allem, weil seine Eltern strenge Regeln haben und sein Vater wegen einer Zwangsstörung penibel auf Sauberkeit achtet. Sie verbringen die meiste Zeit zu Hause - haben kaum Kontakt zu Kindern aus der Nachbarschaft.

Irgendwann packt Baris die Sachen nicht einmal mehr aus

Im Winter 2010 begeht Baris' großer Bruder Suizid. Baris ist damals 23 Jahre alt und muss sich von da an allein um den Papierkram seiner Familie kümmern - seine Schwester ist längst verheiratet und ausgezogen: Er regelt die Finanzen seiner Eltern und hat - zusammen mit seinem eigenen Konto - Zugriff auf insgesamt drei Konten. Der Tod seines Bruders beschäftigt Baris sehr. Da er aber mit niemandem wirklich darüber reden kann, fängt er an, seine negativen Gefühle mit dem Kaufen zu regulieren. "Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen komisch an", sagt Baris, "aber das war für mich eine Art und Weise, irgendwie noch am Leben teilzunehmen."

Baris vergleicht bei verschiedenen Versandhäusern Preise und Angebote und bestellt - von Filmen, Klamotten bis zu Küchengeräten ist alles dabei. Irgendwann kommen fast täglich Pakete an. Freunde und auch Eltern fragen ihn oft, ob er die Dinge wirklich braucht. Aber Baris hat lange gute Ausreden dafür.

Obwohl er sich anfangs noch auf die neuen Dinge freut, packt Baris sie irgendwann gar nicht mehr aus. "Es ging mir gar nicht mehr um die Ware, sondern einfach nur um dieses Glücksmoment", erzählt er. Dass er sich all die Dinge gar nicht leisten kann, schaltet er aus. Baris ist damals schon tief in einer Kaufsucht, auch wenn er es damals noch nicht weiß.

5 Prozent der Deutschen leiden an Kaufsucht

Wenn Baris etwas online bestellt, kickt sein Belohnungssystem: Für einen Moment fühlt sich alles gut an. Dopamin wird ausgeschüttet. Das Kaufen ist für ihn eine Strategie geworden, um mit negativen Gefühlen klarzukommen. Genau das Verhalten kann ein klares Anzeichen für eine Kaufsucht sein, sagt Gordon Emons, Leiter des Zentrums für Verhaltenssucht der Caritas Berlin. "Natürlich kaufen auch Menschen, die nicht kaufsüchtig sind, hin und wieder etwas, um Stress im Job zu vergessen", sagt er. "Kaufsüchtige sehen aber den Akt des Kaufens irgendwann als die einzige Möglichkeit, ihre Gefühle zu regulieren." Ein weiteres Anzeichen kann laut Emons die Tatsache sein, dass Betroffene keine Kontrolle mehr über ihr Kaufverhalten hätten. "Sie wissen zwar genau, dass sie eigentlich kein Geld haben, verspüren aber trotzdem ein starkes Verlangen, etwas kaufen zu müssen", so der Sozialarbeiter. Auch bei Baris ist das so - er weiß eigentlich, dass er sich das alles eigentlich nicht leisten kann. Trotzdem kauft er weiter. "Bis vor ein paar Jahren hatte ich auch noch gesgat, okay, ich werde mit den Schulden sterben."

In Deutschland leiden schätzungsweise 5 Prozent der Menschen unter einer Kaufsucht, davon gehen Forschende an der Uni Schleswig Holstein aus [ndr.de]. Die Forschung dazu ist noch relativ jung. Besonders betroffen sind Frauen bis zu einem Alter von 45 Jahren, immer häufiger sind es auch Männer. Häufig tritt eine Kaufsucht nicht allein auf, sondern als Begleitstörung einer anderen Impulskontrolle. Bei Baris war es eine Essstörung: Seit dem er klein ist, isst er, um seine Emotionen zu regeln. Isst er nicht, kauft er. Kauft er, gibt er mehr aus, als er hat. Baris macht in weniger als 15 Jahren mehr als 100.000 Euro Schulden.

Baris geht neben seinem Job als Erzieher am Wochenende als Putzkraft arbeiten. Weil er bei verschiedenen Versandhäusern und Online-Anbietern Kunde ist, versucht er die verschieden großen Summen, Raten und Zinsen mehrfach zu bündeln. Er nimmt Kredite auf, um seine Schulden abzubezahlen. Irgendwann muss er sich jedoch eingestehen, dass es so nicht weiter geht.

Bis vor ein paar Jahren hab ich auch noch gesagt, okay, dann sterbe ich mit den Schulden.

Baris* hat 100.000 Euro Schulden

 

 

Baris’ einziger Ausweg aus Schulden: Privatinsolvenz

Nach einem zweiten Todesfall in seiner Familie - sein Vater stirbt 2020 - und damit einem weiteren Schicksalsschlag, das ihm und seiner Familie zusetzt - findet er Hilfe bei einem Therapeuten. Der diagnostiziert ihm nicht nur eine mittelschwere Depression, sondern auch eine Essstörung und eine Kaufsucht. Nach regelmäßigen Sitzungen und der Aufarbeitung seiner Kindheit und dem Tod seines Bruders, traut sich Baris, sein Geheimnis anzugehen und in den Griff zu bekommen.

Zusammen mit einem Anwalt meldet Baris im Januar 2024 Privatinsolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit an. Hier muss er offen legen, wie viel Geld er ingesamt ausgegeben hat und wem genau er Geld schuldet. Die Schulden belaufen sich auf etwa 106.000 Euro.

Mit der Anmeldung einer Privat- beziehungsweise Verbraucherinsolvenz ist Baris nicht allein. 2024 wurden deutschlandweit insgesamt 72.100 neue Verfahren registriert (8,5 Prozent mehr als im Vorjahr). Das geht aus einer Statistik von Creditreform hervor [creditreform.de].

Erkrankung, Sucht und Unfall sind die größten Auslöser für Überschuldung

Bundesweit sind rund 5,6 Millionen Bundesbürger über 18 Jahren überschuldet, wie aus dem aktuellen Schuldner-Atlas hervorgeht [boniversum.de]. Die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland sinkt jedoch seit ein paar Jahren. In Brandenburg waren es laut Schuldner-Atlas noch knapp unter 160.000 Menschen. Auch in Berlin nahm die Zahl der Schuldner im Vergleich zum Vorjahr ab. Dennoch liegt Berlin mit einer Überschuldungsquote von 10,2 Prozent im bundesweiten Vergleich knapp hinter Bremen (11, 8 Prozent) und Sachsen-Anhalt (10,7 Prozent).

Gleichzeitig zeigt sich, dass die Zahl der sogenannten "Konsum-Überschuldeten" gestiegen ist. Erkrankung, Sucht und Unfall sind die größten Auslöser für Überschuldung.

Drei Jahre wird ein Teil von Baris' Gehalt gepfändet

Mit der angemeldeten Insolvenz muss sich Baris von nun an Regeln halten: In der sogenannten Wohlverhaltensperiode von drei Jahren muss Baris einen Teil seines aktuellen Gehalts an einen Insolvenzverwalter verpfänden. Von seinem Netto-Monatsgehalt von 2.400 Euro bleiben ihm rund 1.700 Euro bleiben. Und wenn er mal mehr Geld zur Verfügung hat, zum Beispiel ein Weihnachtsgeld, muss er auch davon etwas abgeben. Sein Arbeitgeber weiß nun auch von seinen Schulden und das Insolvenzverfahren ist eine zeitlang auf der Webseite insolvenzbekanntmachungen.de einsehbar. Mit der relativ schlechten Bonität, die eine Insolvenz mit sich zieht, kann er keinen weiteren Kredit aufnehmen oder in Raten kaufen.

In den kommenden drei Jahren wird Baris um die 45.000 Euro zurückzahlen können, schätzt er. Die restlichen rund 60.000 Euro werden ihm aufgrund der Restschuldbefreiung erlassen.

Die übriggebliebenen Sachen, die sich in seinem Zimmer noch stapeln, wurden Baris nicht verpfändet. Viele Dinge hätten an Wert verloren, sagt Baris. Blu-Rays oder alte Klamotten sind nun nicht mehr viel Wert. Für ihn sind sie jedoch wie eine Mahnung aus schlechten Zeiten, sagt er.

"Wenn man Probleme hat, versucht man, die Lücke zu füllen"

Baris hatte nie die Absicht, sich zu verschulden und hat lange versucht, sie wieder abzubezahlen. "Ich will den Tod meines Bruders nicht als Ausrede nehmen", sagt er, "aber wenn man Probleme hat, versucht man, die Lücke zu füllen." Baris hat versucht, seine depressiven Lücken mit den verschiedensten Dingen zu stopfen - ob nun mit Essen oder unnötigen Einkäufen. Statt dem Kaufen hätte es auch Alkohol oder Drogen sein können, sagt er. "Aber bei mir war es irgendwie das Kaufen."

Mittlerweile versucht er, sein Leben lieber mit schönen Erlebnissen und guten Freundschaften zu füllen, statt mit dem Kaufen. Baris ist sehr dankbar, dass er mit der Insolvenz nun eine zweite Chance bekommen hat. Er nimmt sich fest vor, auch nach der Wohlverhaltensperiode nur so viel Geld auszugeben, wie er auch hat.

*Name geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

In der Regel berichtet rbb|24 nicht über Suizide oder Suizidversuche. Ausnahmen machen wir nur bei besonderen Umständen.

Sollten Sie selbst Selbsttötungsgedanken haben, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Es gibt Hilfsangebote vor Ort, telefonisch, per Chat oder Mail. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, auch anonym. Telefon: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Weitere Kontaktmöglichkeiten finden Sie auf telefonseelsorge.de. Kinder und Jugendliche finden zudem Hilfe bei der "Nummer gegen Kummer" unter 116 123, Eltern unter 0800 1110550.

Sendung: Deep Doku Podcast des rbb, 22.03.2025, 16:05 Uhr

Beitrag von Linh Tran und Marie Steffens

Nächster Artikel

28 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 28.

    Genau dies kann ich auch nicht nachvollziehen.
    Wie ist es möglich auf solch eine Summe zu kommen?
    Selbst wenn ich alle möglichen Online-Händler ,benutze', irgendwann dürfte eine Lieferung nur noch bei sofortiger Zahlung funktionieren.

  2. 23.

    Firmen haben ihm für 60000€ Ware geliefert und sehen jetzt keinen Cent. Das kann nicht richtig sein.

  3. 22.

    Sehr schön, wie hier wieder einige die Anderen belehren, was sie zu denken, zu schreiben und zu empfinden haben. Meinungen sind frei und sollten auch von denen akzeptiert werden, die von Anderen verlangen, dass nur ihre eigene Meinung die richtige Meinung ist.

  4. 21.

    Ganz schlimm das es, wenn man in der Spielhölle alles verzockt hat, den ganzen Käse auch noch Online gibt. Manchmal frage ich mich, was soll dieses Verbot mit Zigaretten Werbung, und andere Sachen die weit aus schlimmer sind erlaubt!? So weit mir bekannt soll sogar die FDP von Merkur, diesen Automatenaufsteller, Parteispenden bekommen haben.

  5. 20.

    Gerade bei der Spielsucht stellt sich die Frage weshalb beim ÖR Werbung für Sportwetten geschaltet werden. Im übrigen gehört Sportwetten Werbung in Gänze verboten, analog Zigaretten Werbung.

  6. 19.

    Da haben Sie vollkommen Recht, allein die Tatsache das ich in den vielen Jahre die schon lebe, nie Opfer von Drogen, Spielen, Kaufen oder Sachen die es sonst noch gibt die ein Leben zur Hölle machen können Einfluss auf mich genommen haben. Allein das macht ein Leben schon lebenswert. Gefahren lauern, man muss auf der Hut sein damit man nicht in ein Leben abrutscht das nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Gegen Spielsucht müsste viel mehr getan werden, besonders was Automaten angeht. Wo jeder der klar denken kann weiß das man nur verlieren kann!

  7. 18.

    Geht wohl mehr um Konsum. Ähnlich wie gerade die Diskussion über die Schuldenbremse. Investitionen wie ein Immobilienkauf sind was anderes als Schulden für Klamotten z.B., Problem ist aber hier eher eine Sucht. Da nützt Logik nicht viel.

  8. 16.

    Hauskauf? Dass ist natürlich etwas anderes, der Bank prüft sehr sorgfältig ob das ganze getilgt werden wird.

    Oft genug geht es aber schief und man hat nichts, oder hohe Schulden. Stimmt aber, es ist nicht nötig eine Wohnung zu besitzen.

    Freu mich sehr über meine günstige Mietwohnung.

  9. 15.

    Wie soll man sich dann zB eine Immobilie kaufen? Erst denken dann schreiben.....auch wenn es dir schwer fällt

  10. 14.

    >"Es soll nicht möglich sein, Geld auszugeben die mensch nicht hat!"
    Verboten werden kann es nicht. Kredite haben durchaus auch einen sinnvollen Zweck.
    Anders formuliert machts mehr Sinn: Man sollte nicht mehr Geld ausgeben, als auf dem Konto zur Verfügung steht.
    Aber Kaufsucht hat ja andere Ursachen. Da werden rationale Abwägungen ausgeblendet. Das ist bei jeder Sucht so.
    Wobei Kaufsucht nicht zwangsläufig in den persönlichen Ruin führen muss. Ich kenne einige aus meinem Bekanntenkreis, leider ja meist Frauen, die müllen ihre Wohnung mit billigem Nippes von Temu zu, nur weils irgendwie nett aussah und man könnte es ja mal gebrauchen oder sieht doch nett auf dem Fensterbrett aus... Pleite gehen die an dem Euro-Kram aus dem Billig-Shop dabei nicht.

  11. 13.

    Warum haben die so empathielosen Kommentatoren den Artikel eigentlich gelesen? Um über Schwache herziehen zu können und sich von eigenen Schwächen abzulenken?
    Dem und anderen Betroffenen wünsche ich Glück in anderen Dingen zu finden, erfüllenden Momenten, zugewandten Menschen.

  12. 12.

    Es soll nicht möglich sein, Geld auszugeben die mensch nicht hat!

  13. 11.

    Es geht um Süchte und einen ernsthaften Umgang damit. Ich glaube nicht, dass es einem Betroffenen hilft, hier dieses Lächerlichmachen lesen zu müssen, es gehört hier einfach nicht her. Anstand und Respekt und das Verstehen des Problems sollten erwachsene Menschen hinbekommen oder eben schweigen, um andere nicht zu diskriminieren und abzuwerten. Seien Sie froh, frei von Süchten zu sein.

  14. 10.

    Das stimmt! Sollte das oberste Ziel eines jeden geheilten sein. Weil meistens wird es im Rückfall noch schlimmer.

  15. 9.

    Ich bin vermutlich süchtig nach den überteuerten Lebensmitteln heutzutage, leerer Korb-wenig drin