#Wiegehtesuns? | Kinderhilfe - "Es ist, als wäre man einfach mehrere Eltern"

Die Schulen öffnen, aber noch nicht für alle. Gerade Kinder in betreuten Wohngruppen sind besonders bedürftig. Die Arbeit für die Erzieher dort ist entsprechend stressig. Umso mehr bewundert Uwe P. den Einsatz seiner Kollegen während der Corona-Krise - ein Protokoll.
Das Coronavirus stellt unser Leben auf den Kopf. In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Alltag gerade aussieht – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.
Uwe P., 56 Jahre alt, ist stellvertretender Leiter eines Jugendträgers in Berlin-Mitte. In insgesamt fünf verschiedenen Wohngruppen leben Kinder- und Jugendliche, die ihnen das Jugendamt anvertraut hat, mit ihren Betreuerinnen und Betreuern. So geht es Uwe:
Als diese Corona Krise begonnen hat, habe ich mir gedacht: Oh Gott, wie viele Kollegen sind dem gewachsen? Wie viele machen das mit? Unser Job ist schon unter normalen Bedingungen sehr stressig. Aber bislang gibt es nicht einen einzigen jungen Kollegen, der seiner Verantwortung entfleucht ist.
Ich glaube, im Augenblick leben 8.000 Kinder in der Jugendhilfe. Das ist ein wichtiges gesellschaftliches Thema, über das die wenigsten Bescheid wissen. In Gesprächen höre ich immer wieder, dass viele Menschen noch diesen klassischen Kinderheim-Gedanken im Kopf haben.
Unsere Einrichtung hat fünf Wohngruppen. Darin leben Jugendliche, vor allem aber auch Kinder im Grundschulalter, die aus ihren Familien aus den unterschiedlichsten Gründen herausgeholt wurden. Wir arbeiten im Dreischichtsystem mit sechs Kollegen. Ihre Arbeit ist systemrelevant, aber natürlich können sie sich nicht ins Homeoffice zurückziehen. Sie betreuen die Kinder rund um die Uhr, auch nachts ist jemand da.
Es ist, als wäre man einfach mehrere Eltern. Denn die Kinder sollen einen normalen Alltag erfahren, wie in einer guten Familie. Das fängt morgens mit dem Frühstücken an, wir helfen bei den Hausaufgaben, beim Verarbeiten des Erlebten, dem Klären von Perspektiven. Zum ganzheitlichen pädagogischen Konzept gehört es, die Kinder zu unterstützen, sich als eigenverantwortliche Menschen zu entwickeln.
Insgesamt ist Corona für uns eine besondere Belastung im Alltag. Die Arbeit mit diesen doch oftmals traumatisierten Kindern ist auch normalerweise nicht einfach. Das Rausgehen, Besuchen von Freunden ist sonst immer ein guter Katalysator, um mal durchatmen zu können. Das können sie im Augenblick nicht. Man darf auch keine großartige Gruppenaktionen machen.
Allein schon, dass die Schule für die meisten unsrer Kinder noch immer nicht stattfindet, ist eine unglaubliche Belastung. Viele sind froh, dass sie zur Schule gehen können, haben dort Freundschaften entwickelt, haben gute Kontakte zu Lehrern. Eine Familie mit einer gewachsenen sozialen Infrastruktur hat es sicherlich leichter, als ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Kindern, die alle unterschiedliche Päckchen zu tragen haben aufgrund ihrer Vorgeschichte.
Dass das trotzdem erstaunlich gut läuft, ist in erster Linie dem unglaublichen persönlichen Engagement der Kollegen zu verdanken. Die stehen alle ihren Mann und ihre Frau und tun das Beste und weit darüber hinaus, damit es funktioniert. Man bringt Bastelsachen oder die Gitarre von Zuhause mit. Man räumt den privaten DVD-Schrank, man kocht miteinander. Man entwickelt Fähigkeiten, von denen man vorher gar nichts wusste. Das ist wirklich toll. Wir haben festgestellt, dass diese Krise zwei Seiten hat: Tatsächlich wachsen die Gruppen, trotz aller Einschränkungen und Streitereien, stärker zusammen. Und das ist vor allem meinen Kollegen zu verdanken.
Die Pflegeberufe verdienen auf zwei Ebenen zu wenig: bei der Bezahlung und der gesellschaftlichen Anerkennung. Nun arbeiten wir in der Kinder- und Jugendhilfe in einer Nische, die auch nicht unbedingt so bekannt ist, weil sie im Stillen stattfindet und dort auch am besten funktioniert. Nichtsdestotrotz braucht man eine vernünftige Lobby, damit es funktioniert.
Wir selbst werden seitens des Senats, der Heimaufsicht, sehr engagiert betreut. Aber wenn man sieht, wie die Personallage im Jugendamt aussieht, das uns die Kinder ja zuweist, schlägt man eigentlich die Hände über dem Kopf zusammen. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf seitens der Politik. Das ist eine Form der Unterstützung, die wir uns wünschen würden.
Gesprächsprotokoll: Ula Brunner
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