Analyse | Bundestagswahl in Berlin - Die fragmentierte Stadt

Mo 24.02.25 | 19:45 Uhr | Von Oliver Noffke und Dominik Ritter-Wurnig
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Zweitstimmen: Stärkste Kraft in Berlin 2025. (Quelle: Stat. Bundesamt, GeoBasis-DE/BKG/dpa)
Bild: Stat. Bundesamt, GeoBasis-DE / BKG / dpa

Schwarz und blau, aber im Kern rot und grün: Beim Wahlverhalten ist Berlin nicht mehr geteilt - sondern fragmentiert. Wo die Parteien ihre Hochburgen haben und wo nicht mehr als Trümmer übrig sind. Von O. Noffke (Text) und D. Ritter-Wurnig (Grafik)

Ganz im Westen schwarz, die Mitte und der Osten rot und Marzahn-Hellersdorf hellblau. Auf den ersten Blick erscheint die Lage in Berlin nach der Bundestagswahl klar: CDU, Linke und AfD gehören zu den Gewinnern. In sechs von zwölf Berliner Wahlkreisen – die sich relativ genau mit den Bezirken decken – ist die Linke stärkste Kraft, die CDU hält den Westen, Marzahn-Hellersdorf wählt AfD auf Platz eins.

Um tatsächliche Hochburgen handelt es sich dabei in den meisten Fällen jedoch nicht. Dafür sind die Abstände auf die jeweiligen Verfolger einfach zu gering. Noch nie lagen in Berlin bei einer Bundestagswahl derart viele politische Kräfte so dicht beieinander.

Gleich fünf Parteien erreichten Ergebnisse zwischen 15 und 20 Prozent. Ganz vorn überraschend die Linke mit 19,9 Prozent, gefolgt von CDU (18,3 Prozent), Grünen (16,8 Prozent), AfD (15,2 Prozent) und SPD (15,1 Prozent). Berlin, die fragmentierte Stadt.

Ergebnisse quasi auf Kiezebene

Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass CDU und Linke nicht in allen Wahlkreisen die Direktmandate holen konnten, in denen sie bei den Zweitstimmen vorn lagen. Die Grünen und die SPD hatten in einigen Fällen die überzeugenderen Kandidaten. Beziehungsweise: In manchen Wahlkreisen können Politikerinnen und Politiker der Grünen und der SPD gewinnen, obwohl ihre Parteien dort deutlich schlechter abschneiden.

Einen besonders detaillierten Blick auf die Wahl zeigt das Ergebnis in den Briefwahlbezirken. Ein Briefwahlbezirk besteht in Berlin immer aus zwei Urnenwahlbezirken. Zusammen geben sie sozuagen die politische Stimmung auf Kiezebene wieder.

CDU: im Westen stark, im Osten mäßig, in der Mitte mickrig

In Berlin ist die CDU traditionell im Südwesten und Nordwesten stark. Im Osten ist ihre Strahlkraft begrenzt, in der Stadtmitte kämpft sie um Sichtbarkeit. Bei der Wahl am Sonntag war es nicht anders.

Steglitz-Zehlendorf, Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf sind fest in Hand der Christdemokraten. Sowohl bei den Erst-, als auch bei den Zweitstimmen liegt die CDU hier vorn. Den stärksten Wert – 43,5 Prozent – gab es zwischen der Pücklerstraße und Clayallee (Ortsteil Dahlem). Rund um den Rio-Reiser-Platz in Kreuzberg fuhr die Partei mit 3,9 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis ein.

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AfD: Im Osten überragend

Die AfD ist im Süd- und Nordosten der Stadt am stärksten. Zum Teil konnte sie ihre Mitbewerber klar auf Abstand halten. Etwa in Marzahn-Hellersdorf am Teupitzer Park. Mit 46,8 Prozent erreichte sie dort ihren höchsten Wert in Berlin. Den niedrigsten Wert fuhr die AfD nördlich vom Hermannplatz ein: 2,2 Prozent.

Generell ist das Ergebnis der AfD in Neukölln sehr uneben. Im Norden des Bezirks spielt sie keine große Rolle, südlich der A100 nimmt ihre Beliebtheit zu. Das passt zum generellen Bild: Im Zentrum Berlins ist die AfD schwach, in den Außenbezirken stark. Am östlichen Stadtrand ist sie geradezu überragend.

Das letzte Fort der SPD: Spandau

In Spandau konnte Helmut Kleebank das einzige Berliner Direktmandat für die SPD gewinnen. Zudem holten die Sozialdemokraten hier ihr stärkstes Zweitstimmenergebnis. 18,4 Prozent im Wahlkreis bedeuteten allerdings Platz drei hinter CDU und AfD. Zum Teil erreicht die bisherige Kanzlerpartei hier noch Werte über 20 Prozent. Den meisten Zuspruch gab es in der Spandauer Innenstadt (25,7 Prozent).

Im Ostteil Berlins spielt die SPD aktuell keine bedeutende Rolle. Rund um die Dessauer Straße im nördlichen Marzahn-Hellersdorf erreicht sie zum Beispiel nur 7,0 Prozent.

Grüne Insel Innenstadt

37,5 Prozent: Rund um den Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg ist für Bündnis 90/Die Grünen die Welt noch in Ordnung. Die Berliner Innenstadt ist generell eher auf Grün eingestellt. Werte um ein Drittel bei den Zweitstimmen waren dort möglich.

Allerdings geriet die Partei dort durch die Konkurrenz von links unter Druck. Am auffälligsten: Die grüne Trutzburg ist gefallen: Friedrichshain-Kreuzberg - Prenzlauer Berg Ost, wo es 2002 das erste grüne Direktmandat überhaupt gab und seither jedes Mal erneut, wird künftig von Pascal Meiser (Linke) im Bundestag vertreten. Immerhin konnten die Grünen erstmals Tempelhof-Schöneberg direkt gewinnen.

In den östlichen Außenbezirken spielt die Partei hingegen keine bedeutende Rolle. Den niedrigsten Wert für die Grünen gab es rund um die Dierhagener Straße in Lichtenberg mit 2,2 Prozent.

FDP-Hochburgen liegen in Trümmern

Bei der FDP von Hochburgen zu sprechen, ist angesichts der nackten Zahlen eigentlich nicht möglich. Mancherorts sind noch liberale Trümmer sichtbar, beschreibt es treffender. Nur in Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf liegt der Anteil der Zweitstimmen für die FDP überhaupt über fünf Prozent.

Am stärksten überzeugen konnte die Lindner-Partei rund um den Teufelsberg in Grunewald: 15,0 Prozent. Im Osten der Stadt – traditionell schwieriges Terrain für die Liberalen – gehen die Ergebnisse gen Null. Am niedrigsten: 0,7 Prozent in der Plattenbausiedlung am Wustrower Park in Neu-Hohenschönhausen.

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Linke erstmals stark in westlichen Bezirken

Die Linke ist nicht nur mit Abstand die stärkste Partei im Osten, sondern auch in Neukölln und Mitte. Vier Direktmandate, darunter Friedrichshain-Kreuzberg, sind ein überraschend starkes Ergebnis. In eigentlich allen Teilen der Stadt konnte die Linke zulegen.

Selbst im Westen der Stadt, bisher eine Wählerwüste für die Partei, sind kaum Kieze zu finden, in denen die Partei weniger als 5 Prozent der Zweitstimmen holen konnte.

Einer dieser Orte ist der Kiez rund um Pücklerstraße und Clayallee (Steglitz-Zehlendorf). Hier reichte es für die Linke nur für 4,5 Prozent. Im Böhmischen Viertel in Rixdorf (Neukölln) ging hingegen fast jede zweite Stimme an die Linken: 48,3 Prozent.

Stark im Osten, keine Kraft im Westen: das BSW

Zuspruch zum Bündnis Sahra Wagenknecht ist in Berlin vor allem im Osten zu finden. Je näher die Stadtgrenze rückt, desto höher ist er. Zwischen der Allee der Kosmonauten und der Fichtelbergstraße in Marzahn-Hellersdorf gingen 15,3 Prozent der Zweitstimmen an das BSW.

Im Westen spielt das BSW keine bedeutende Rolle. Rund um die Welfenallee in Reinickendorf reichte es nur für 1,3 Prozent.

Sendung: rbb24 Abendschau, 24.02.2025, 19.30 Uhr

Beitrag von Oliver Noffke und Dominik Ritter-Wurnig

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88 Kommentare

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  1. 88.

    Für die SPD war die Agenda 2010 der Super-GAU. Davon hat sie sich jahrelang nicht erholt. Aber wieso war das super für die Werktätigen? Meinen Sie die geknechteten, die in Niedriglohnjobs schuften durften, oder die, die 2 oder Mehr Jobs brauchen? Oder gar die glücklichen Hartz 4 Empfänger, die von da an den Launen der "Fallmanager" ausgesetzt waren? Erzählen Sie doch mal, wieso es gut war, Millionen Menschen in die Armut zu schicken. Der Genosse der Bosse war auch noch Stolz, den "größten Niedriglohnmarkt in Europa " geschaffen zu haben.

  2. 87.

    Das liest sich wie der linke feuchte Traum von Karl Marx.
    Die Agenda 2010 war das Beste, was Deutschland passieren konnte. Zumindest für alle Werktätigen.

  3. 86.

    Von dem kurzen Ampel- und Schröder-Internezzo abgesehen, wer hat 32 Jahre das Land regiert? Genau - die CDU! Glauben Sie wirklich, die kurzen SPD-Kanzlerschaften haben kaputt gemacht, was Kohl und Merkel aufgebaut haben? Wenn ja, kann es so stabil nicht gewesen sein.
    Ja, die SPD hat mit Schröders Agenda 2010 Mist gebaut. Mit dem Bürgergeld und dem Mindestlohn hat sie aber einiges wieder repariert. Und wer will das Bürgergeld abschaffen und den Mindestlohn klein halten? Genau - Herr Merz.
    Geradezu lächerlich finde ich, dass in ihren Zeilen mirschwingt, in Berlin haben 51,8 Prozent den Untergang gewählt. Dieses "Privileg" kommt eher denen zu, die von einem blauen Wunder träumen.
    Ich sehe gerade, wie ein Populist mit Hilfe eines Milliardärs die Demokratie der USA schleift; da schauen die Blauen fasziniert hin und wollen das auch in unserem Land so machen. Dafür wurde ihnen in Berlin die Rot-Grüne Karte gezeigt und das ist gut so.

  4. 85.

    Die Studienabbrecherin und Küchenhilfe holte 3,1 Prozent im Bundestagswahlkreis 192 (Erfurt, Weimar sowie Grammetal im Weimarer Land) - was bleibt ihr da noch übrig, um im Gespräch zu bleiben?

  5. 84.

    Es gibt eine langfristig angelegte Politik, die gestaltend genannt werden kann und es gibt eine kurzatmige Politik, die an eine Perspektive von weniger als ein Jahr denkt - oft nur bis zum nächsten Quartalsbericht an der Börse. Dieses Denken scheint auch gesellschaftlich momentan einen Aufschwung zu nehmen, doch letztlich ist es auf Sand gebaut und in Luftschlössern beheimatet. Solange eine Suggestion demgegenüber besteht, steigen die Prozente, zerplatzt das, fällt es ins Bodenlose.



  6. 83.

    Im Ggs. zu begrüßenswertem schülerauslandaustausch ist Massenimmigration ohne Identitätsklarheit schon etwas ganz anderes.

  7. 82.

    Es war rein rechtlich und auch faktisch ein bloßer Beitritt in dem Sinne, dass für die einen nichts mehr galt, was vorher war und für die anderen alles unverändert auch weiterhin galt. Inwieweit ein ggf. eingeschlepptes, vor die Fernsehkameras gehaltene Transparent "Wer jetzt noch SPD wählt, hat nichts begriffen" mitentscheidend für den Wahlsieg der Allianz für Deutschland war, will ich mal dahingestellt sein lassen. Dass nach dem Mauerfall andere Parolen auftauchten, u. a. mit Deutschlandumrissen aus dem Jahr 1937, ist bildhaft überliefert.

    Aber eine Vereinigung i. S. von Art. 146 GG hat indes nie stattgefunden.

  8. 81.

    Der "real existierende" (sogenannt) Sozialismus und Kommunismus hatte mit dem Konzept ja auch wenig gemein. Dennoch weiterhin die Bezeichnung.

  9. 79.

    Das ist ja wie aktuell auch … "man hatte die Wahl nicht"
    Das mag auch zur Wahlergebnis-Wahrheit gehören.

  10. 78.

    Volksabstimmung darüber, ob man eine "Wiedervereinigung" will – das kommt Jahre zu spät. Sehr viele '89-Demonstranten sind für einen, ihren freien selbstbestimmten Staat eingetreten. Nicht für die Okkupation durch Strippenzieher aus der BRD.

    Daher ist es auch gar keine Wiedervereinigung im Wortsinne, nur ein Etikett, aufgeklebt im Galopp.

    Auf die gemeinsam zu gestaltende Verfassung warten wir bis heute.

  11. 77.

    Genau. Mit Roten und Grünen in den Untergang. Menschen in die Armut schicken, seit G.Schröder der Markenkern der SPD. Und Grüne, die aus ideologischen Gründen ihre gutbetuchte Wählerschaft reicher machen. Der Zeitgeist und die ganzen Verwerfungen bzw. Niedergang werden linksgrüne Politik in den nächsten Jahren verhindern. Scholz hatte in einem Recht, indem er die Taurus-Lieferung abgelehnt hat. Das ist nun auch kein Thema mehr.

  12. 76.

    Selbst wenn dort, wie früher die CDU und die FDP sehr stark wären, diese Menschen wählen wenigstens für IHRE eigenen Interessen und nicht nur damit es Anderen schlechter geht. Meiner Erfahrung nach sind Wohlhabende oft erstaunlich offen und liberal in gesellschaftlichen Fragen.

  13. 75.
    Antwort auf [toberg] vom 25.02.2025 um 13:09

    Was dieser aber nicht tat und noch mehr Schulden und noch mehr Verfall hinterließ, Stichwort sparen bis es quietscht. Aber auf der grünen Woche mit dem Sombrerohut große Party feiern.

    Übrigens: der Herr heißt Diepgen und der Ort Kerker.

  14. 74.

    Steglitz-Zehlendorf ist nicht so konservativ wie es scheint.
    Für den Direktkandidaten hat meist nur die CDU eine reale Chance. Trotzdem wählen über 50% links der CDU.

  15. 73.

    Besonders in Kreuzberg und Neukölln gibt es große Gegenden mit einer Wahlbeteidigung um 50%. Viele, die wählen könnten tun es leider nicht.

  16. 72.

    Und zwischendrin Millionen Zwangsarbeiter ohne Rechte, so wie die AfD sich das wünscht.

  17. 71.
    Antwort auf [Wolkenkuckucksheim ] vom 25.02.2025 um 11:35

    Eine Wagenburg, die 51,8 Prozent repräsentiert, ist eine recht große Wagenburg; und ja, in dieser Wagenburg finden sich die Menschen am Rand der Gesellschaft durchaus wieder. Als "alter Sack" (73) freue ich mich über die jungen linken Bewohner in den Wagen in der Burg. Und ich habe mir zu Herzen genommen, was Schüler*innen am Mittwoch vor der Wahl auf die Straße getragen haben: "Eure Wahl - Unsere Zukunft". Helfen Sie mit und nehmen einen Pinsel in die Hand, damit wir die blau-braunen Wagen rot-grün anstreichen können. Gerne dürfen auch ein paar schwarze Wagen darunter sein - weil: Unsere Demokratie braucht keine Alternative - sie funktioniert!

  18. 70.

    Schön schon mal das mit der "meiner Wahlheimat Berlin". Soll sich das auf den Ort oder die Politik beziehen?
    Und warum Berlin, wurden da einer in seine Ursprungsgebiet wegen seiner politischen Einstellung gehänselt?

    Es ist aber auch immer toll, wenn hier bzgl. bei Wahlen Rechenbeispiele vorgetragen werden, wo fast generell nicht zwischen der Menge "Wahlberechtigte" und "Wählende" unterschieden wird.
    Beispiel: 0201 - Friedrichshain-Kreuzberg 1 (12. Februar 2023)
    Grüne = 40,3% (= Jubel) bei den 64,3% "Wählende" in Friedrichshain-Kreuzberg 1;
    Grüne = 25,8% bei den 100% "Wahlberechtigten" in Friedrichshain-Kreuzberg 1
    Gefeiert werden aber die fast 41% und meist auch so verbreitet.
    Es ist schon ein Unterschied zu behaupten knapp die Hälfte Wählerschaft, anstatt der realen nur ein Viertel.

  19. 69.
    Antwort auf [Wolkenkuckucksheim ] vom 25.02.2025 um 10:28

    "Wie haben Sie denn das ermittelt?"

    Eine Frage der Tonlage und der Verschiebung der Verantwortung auf andere. Alles, was Sie trefflich benennen, war bei etwas Überlegung abzusehen. Davor standen allerdings himmelhohe Erwartungen, die sich dann recht schnell als trügerisch erwiesen.

    Anstatt sich den Irrtum in der Einschätzung dem anderen gegenüber einzugestehen, dem sich in sehr billiger Weise an die Brust geworfen wurde, wird seither die eigene Machtlosigkeit verkündet. Genau das, diese Unreflektiertheit, ist der Nährboden für die AfD.