Analyse | Bundestagswahl in Berlin - Die fragmentierte Stadt

Schwarz und blau, aber im Kern rot und grün: Beim Wahlverhalten ist Berlin nicht mehr geteilt - sondern fragmentiert. Wo die Parteien ihre Hochburgen haben und wo nicht mehr als Trümmer übrig sind. Von O. Noffke (Text) und D. Ritter-Wurnig (Grafik)
Ganz im Westen schwarz, die Mitte und der Osten rot und Marzahn-Hellersdorf hellblau. Auf den ersten Blick erscheint die Lage in Berlin nach der Bundestagswahl klar: CDU, Linke und AfD gehören zu den Gewinnern. In sechs von zwölf Berliner Wahlkreisen – die sich relativ genau mit den Bezirken decken – ist die Linke stärkste Kraft, die CDU hält den Westen, Marzahn-Hellersdorf wählt AfD auf Platz eins.
Um tatsächliche Hochburgen handelt es sich dabei in den meisten Fällen jedoch nicht. Dafür sind die Abstände auf die jeweiligen Verfolger einfach zu gering. Noch nie lagen in Berlin bei einer Bundestagswahl derart viele politische Kräfte so dicht beieinander.
Gleich fünf Parteien erreichten Ergebnisse zwischen 15 und 20 Prozent. Ganz vorn überraschend die Linke mit 19,9 Prozent, gefolgt von CDU (18,3 Prozent), Grünen (16,8 Prozent), AfD (15,2 Prozent) und SPD (15,1 Prozent). Berlin, die fragmentierte Stadt.
Ergebnisse quasi auf Kiezebene
Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass CDU und Linke nicht in allen Wahlkreisen die Direktmandate holen konnten, in denen sie bei den Zweitstimmen vorn lagen. Die Grünen und die SPD hatten in einigen Fällen die überzeugenderen Kandidaten. Beziehungsweise: In manchen Wahlkreisen können Politikerinnen und Politiker der Grünen und der SPD gewinnen, obwohl ihre Parteien dort deutlich schlechter abschneiden.
Einen besonders detaillierten Blick auf die Wahl zeigt das Ergebnis in den Briefwahlbezirken. Ein Briefwahlbezirk besteht in Berlin immer aus zwei Urnenwahlbezirken. Zusammen geben sie sozuagen die politische Stimmung auf Kiezebene wieder.
CDU: im Westen stark, im Osten mäßig, in der Mitte mickrig
In Berlin ist die CDU traditionell im Südwesten und Nordwesten stark. Im Osten ist ihre Strahlkraft begrenzt, in der Stadtmitte kämpft sie um Sichtbarkeit. Bei der Wahl am Sonntag war es nicht anders.
Steglitz-Zehlendorf, Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf sind fest in Hand der Christdemokraten. Sowohl bei den Erst-, als auch bei den Zweitstimmen liegt die CDU hier vorn. Den stärksten Wert – 43,5 Prozent – gab es zwischen der Pücklerstraße und Clayallee (Ortsteil Dahlem). Rund um den Rio-Reiser-Platz in Kreuzberg fuhr die Partei mit 3,9 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis ein.
Wenn die Grafiken nicht richtig angezeigt werden, klicken Sie bitte hier.
AfD: Im Osten überragend
Die AfD ist im Süd- und Nordosten der Stadt am stärksten. Zum Teil konnte sie ihre Mitbewerber klar auf Abstand halten. Etwa in Marzahn-Hellersdorf am Teupitzer Park. Mit 46,8 Prozent erreichte sie dort ihren höchsten Wert in Berlin. Den niedrigsten Wert fuhr die AfD nördlich vom Hermannplatz ein: 2,2 Prozent.
Generell ist das Ergebnis der AfD in Neukölln sehr uneben. Im Norden des Bezirks spielt sie keine große Rolle, südlich der A100 nimmt ihre Beliebtheit zu. Das passt zum generellen Bild: Im Zentrum Berlins ist die AfD schwach, in den Außenbezirken stark. Am östlichen Stadtrand ist sie geradezu überragend.
Das letzte Fort der SPD: Spandau
In Spandau konnte Helmut Kleebank das einzige Berliner Direktmandat für die SPD gewinnen. Zudem holten die Sozialdemokraten hier ihr stärkstes Zweitstimmenergebnis. 18,4 Prozent im Wahlkreis bedeuteten allerdings Platz drei hinter CDU und AfD. Zum Teil erreicht die bisherige Kanzlerpartei hier noch Werte über 20 Prozent. Den meisten Zuspruch gab es in der Spandauer Innenstadt (25,7 Prozent).
Im Ostteil Berlins spielt die SPD aktuell keine bedeutende Rolle. Rund um die Dessauer Straße im nördlichen Marzahn-Hellersdorf erreicht sie zum Beispiel nur 7,0 Prozent.
Grüne Insel Innenstadt
37,5 Prozent: Rund um den Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg ist für Bündnis 90/Die Grünen die Welt noch in Ordnung. Die Berliner Innenstadt ist generell eher auf Grün eingestellt. Werte um ein Drittel bei den Zweitstimmen waren dort möglich.
Allerdings geriet die Partei dort durch die Konkurrenz von links unter Druck. Am auffälligsten: Die grüne Trutzburg ist gefallen: Friedrichshain-Kreuzberg - Prenzlauer Berg Ost, wo es 2002 das erste grüne Direktmandat überhaupt gab und seither jedes Mal erneut, wird künftig von Pascal Meiser (Linke) im Bundestag vertreten. Immerhin konnten die Grünen erstmals Tempelhof-Schöneberg direkt gewinnen.
In den östlichen Außenbezirken spielt die Partei hingegen keine bedeutende Rolle. Den niedrigsten Wert für die Grünen gab es rund um die Dierhagener Straße in Lichtenberg mit 2,2 Prozent.
FDP-Hochburgen liegen in Trümmern
Bei der FDP von Hochburgen zu sprechen, ist angesichts der nackten Zahlen eigentlich nicht möglich. Mancherorts sind noch liberale Trümmer sichtbar, beschreibt es treffender. Nur in Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf liegt der Anteil der Zweitstimmen für die FDP überhaupt über fünf Prozent.
Am stärksten überzeugen konnte die Lindner-Partei rund um den Teufelsberg in Grunewald: 15,0 Prozent. Im Osten der Stadt – traditionell schwieriges Terrain für die Liberalen – gehen die Ergebnisse gen Null. Am niedrigsten: 0,7 Prozent in der Plattenbausiedlung am Wustrower Park in Neu-Hohenschönhausen.
Wenn die Grafiken nicht richtig angezeigt werden, klicken Sie bitte hier.
Linke erstmals stark in westlichen Bezirken
Die Linke ist nicht nur mit Abstand die stärkste Partei im Osten, sondern auch in Neukölln und Mitte. Vier Direktmandate, darunter Friedrichshain-Kreuzberg, sind ein überraschend starkes Ergebnis. In eigentlich allen Teilen der Stadt konnte die Linke zulegen.
Selbst im Westen der Stadt, bisher eine Wählerwüste für die Partei, sind kaum Kieze zu finden, in denen die Partei weniger als 5 Prozent der Zweitstimmen holen konnte.
Einer dieser Orte ist der Kiez rund um Pücklerstraße und Clayallee (Steglitz-Zehlendorf). Hier reichte es für die Linke nur für 4,5 Prozent. Im Böhmischen Viertel in Rixdorf (Neukölln) ging hingegen fast jede zweite Stimme an die Linken: 48,3 Prozent.
Stark im Osten, keine Kraft im Westen: das BSW
Zuspruch zum Bündnis Sahra Wagenknecht ist in Berlin vor allem im Osten zu finden. Je näher die Stadtgrenze rückt, desto höher ist er. Zwischen der Allee der Kosmonauten und der Fichtelbergstraße in Marzahn-Hellersdorf gingen 15,3 Prozent der Zweitstimmen an das BSW.
Im Westen spielt das BSW keine bedeutende Rolle. Rund um die Welfenallee in Reinickendorf reichte es nur für 1,3 Prozent.
Sendung: rbb24 Abendschau, 24.02.2025, 19.30 Uhr