Bundestagswahl 2025 - Wie die Auferstehung der Linken die Berliner Politik erschüttert

Mo 24.02.25 | 16:10 Uhr | Von Sabine Müller
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Ines Schwerdtner (Die Linke), Parteivorsitzende, steht am 23.02.2025 mit Gregor Gysi (Die Linke), Mission Silberlocke, bei der Wahlparty der Partei Die Linke im Glashaus bei einem Statement auf der Bühne. (Quelle: dpa-Bildfunk/Carsten Koall)
Audio: rbb24 Inforadio | 24.02.2025 | Sabine Müller | Bild: dpa-Bildfunk/Carsten Koall

Die Hauptstadt tickte schon immer etwas anders als der Bundesdurchschnitt. So offensichtlich wie bei dieser Wahl war das aber noch nie. Erkenntnisse eines Abends, der die politische Landschaft verändert. Von Sabine Müller

Aus Berliner Sicht gab es an diesem Sonntag nicht einen Wahlabend, sondern zwei – so unterschiedlich fielen die Ergebnisse auf Bundes- und Landesebene aus. Während im Bund CDU und AfD auf den vorderen Plätzen liegen, jubelt in der Hauptstadt die Linke.

Totgesagte leben länger

Es ist gerade einmal drei Monate her, da war die Berliner Linkspartei am Boden. Einige ihrer bekanntesten Köpfe waren wegen des Streits über den Umgang mit Antisemitismus aus der Partei ausgetreten. Im BerlinTrend des rbb sagten nur fünf Prozent, dass sie die Linke wählen würden, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre.

Und nun geht die Linkspartei in der Hauptstadt als stärkste Kraft aus dieser Wahl hervor, das gab es noch nie. Sie holt vier Direktmandate, in Neukölln gewinnt sie sogar den ersten "westdeutschen" Wahlkreis in ihrer Geschichte – und das deutlich. Dabei trat hier kein Mainstream-Linker an, sondern mit Ferat Koçak einer, der selbst für Berliner Verhältnisse extrem links ist.

Wie ist das möglich? Zum einen kann sich die Linke bei Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz bedanken, der ihr eine perfekte Profilierungs-Steilvorlage lieferte, als er seine Migrationspläne mit Hilfe der AfD durch den Bundestag brachte. Eine solche Chance muss man aber auch zu nutzen wissen und das hat die Linke getan. Als einzige stellte sie sich gegen eine verschärfte Migrationspolitik, begeisterte mit neuem Personal gerade auch junge Leute und setzte im engagierten Haustürwahlkampf in Berlin konsequent auf das Thema Mieten und Wohnen. Ein unerwartetes, hart erarbeitetes Comeback.

AfD: Gutes Ergebnis mit Dämpfer

Keineswegs unerwartet kommt das gute Abschneiden der AfD. Sie bleibt zwar klar unter dem Bundesergebnis, kann aber im Vergleich zur letzten Wahl deutlich zulegen. Sie holt nicht nur ihr bisher bestes Ergebnis in Berlin, sondern in einem engen Rennen im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf auch durch Gottfried Curio das erste Direktmandat der AfD in der Stadt. Parteichefin Kristin Brinker wertet das Ergebnis als "optimale Voraussetzung" für die Abgeordnetenhauswahl im kommenden Jahr.

Definitiv suboptimal ist es dagegen für die Berliner AfD, dass ihr für den anstehenden Wahlkampf an diesem Abend eine wichtige politische Argumentationslinie abhandengekommen ist. Seit langem redet Brinker einer "konservativen Mehrheit" auch in Berlin das Wort und am frühen Abend jubelte sie, die "rotgrüne Multikulti-Utopie" sei "krachend gescheitert". Das Berliner Ergebnis zeigt aber noch deutlicher als bisher: die Stadt tickt mehrheitlich links der Mitte. Ein Dämpfer für die AfD.

Kai Wegner muss sich Sorgen machen

Als der Regierende Bürgermeister und Berliner CDU-Chef am späten Abend erklärt, das Wahlergebnis könne "nicht zufriedenstellen", da zielt er Richtung Bundespolitik. Der Satz "Von der Debatte um die Brandmauer haben vor allem die politischen Ränder profitiert" ist eine Abrechnung mit Friedrich Merz.

Zum Abschneiden seiner CDU in der Hauptstadt – kein Wort. Dabei gäbe es dazu einiges zu sagen, denn die Christdemokraten landen in Berlin zehn Prozentpunkte unter dem Bundesergebnis der Union und können im Vergleich zu 2021 kaum zulegen.

Vermutlich hat die Landespolitik hier durchgeschlagen und das Wahlergebnis war die Quittung für den Sparkurs des Senats, der viele in der Stadt gegen die CDU aufgebracht hat. Nach diesem Wahlabend muss sich Kai Wegner fragen, ob der deutliche Sieg der CDU bei der Abgeordnetenhauswahl 2023 nur ein Ausrutscher war.

SPD in der Zange

Den Sozialdemokraten stehen nach einem desaströsen Ergebnis im Bund wie im Land sehr ungemütliche Zeiten bevor. Zum einen müssen mit Blick auf die Abgeordnetenhauswahl im kommenden Jahr harte innerparteiliche Debatten geführt werden, wo sich die SPD in Zukunft politisch verortet.

Zum anderen dürfte die Partei in Berlin jetzt von außen gleich doppelt in die Zange genommen werden. Der Koalitionspartner CDU plant schon länger, nach der Bundestagswahl auch in Berlin den Kurs in der Migrationspolitik zu verschärfen. Von der SPD will er unter anderem die Zustimmung, in der Großunterkunft Tegel einen Abschiebegewahrsam einzurichten.

Verstärkt Druck werden auch Grüne und eine kraftstrotzende Linkspartei machen. Schon in der Brandmauer-Debatte versuchten sie auf landespolitischer Ebene einen Keil zwischen CDU und SPD zu treiben – mit dem Hinweis, dass es in Berlin eine Mehrheit links der Mitte gebe. Dies wird die SPD nun noch öfter und lauter zu hören bekommen

Harter Aufschlag in der Realität für die Grünen

Die Berliner Parteichefs träumten am frühen Abend noch von einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU um Platz eins in Berlin. Am Ende mussten die Grünen sich nach deutlichen Verlusten mit Platz drei zufriedengeben und feststellen, dass sie offenbar vor allem jüngere Wähler an die Linkspartei verloren haben.

Zwar holte die Partei drei Direktmandate, in ihrer Hochburg Friedrichshain-Kreuzberg erlebte sie aber ein Debakel. Der Wahlkreis war 23 Jahre lang in der Hand der Grünen, galt als absolut sichere Bank. Nun geht er an die Linkspartei. Angesichts dessen kann es allenfalls ein kleiner Trost sein, dass es die anderen beiden Parteien der Ampel-Koalition noch schlimmer traf.

Der Senat könnte Personal an den Bund verlieren

Jenseits der parteipolitischen Implikationen könnte das Ergebnis der Bundestagswahl für Berlin auch den Weggang von politischen Personal zur Folge haben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Kultursenator Joe Chialo (CDU) gerne eine Ebene nach oben fallen würde, um im Kanzleramt Kulturstaatsminister zu werden. Einen guten Draht zu Friedrich Merz hat er unbestritten. Aber hat sich Chialo mit seiner Performance in der Landespolitik wirklich für die Bundesebene empfohlen? Selbst vielen CDU-lern in Berlin fällt wenig Positives zu seiner Arbeit ein. Unter der Hand heißt es, "Merz holt sich keinen Fehler ins Haus".

Bessere Chancen auf eine Position in der nächsten Bundesregierung könnte CDU-Justizsenatorin Felor Badenberg haben. Die Bundes-CDU hat sie angeblich schon seit längerem im Auge. Die eher zurückhaltende Badenberg müsste vermutlich auch nicht der ersten Reihe stehen, aber vielleicht in der zweiten, etwa als Staatssekretärin.

Sendung: rbb24 Inforadio, 24.02.2025, 06:00 Uhr

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25 Kommentare

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  1. 25.

    Ich denke Sahra Wagenknecht hat der Linken echt einen Gefallen getan wegzugehen. Und das merkt man auch in dem Wahlergebnis. Gut so. Eine 1-Woman-Show zu veranstalten kann doch keine Grundlage für sinnvolle Politik sein und das haben die Menschen gemerkt. Insofern denke ich, dass es bei der Linken bergauf geht und BSW bleibt in der Versenkung. Parolen zu verbreiten (genau wie die AfD) hat noch bei keinem Problem je geholfen. Und das Grundproblem bleibt immer, dass Menschen in jungen Jahren noch weitgehend frei von Enttäuschungen seitens der Politik sind. Je älter sie werden, desto mehr Frust staut sich an. Und dann bleibt einem (bei geringem Einkommen und der Mietmarktsituation und Inflation) wohl irgendwann nur noch der Schluss, AfD zu wählen (der aber letztlich auch nichts bringt). Schlussendlich muss Politik Fakten schaffen, die zum Ziel die konkrete Verbesserung haben. Beispiel: Rente oder Krankenversicherung. Man weiß, dass es hinten und vorne nicht reicht. Aber das System läuft.

  2. 24.

    Was habt ihr Grünen denn da in Friedrichshain-Kreuzberg gemacht?
    Muß ich jetzt wegziehen?

  3. 23.

    Bildung ist das Schlüsselwort. Siehe Pisa. Arbeiter und Arbeitslose wählten die AFD. Wie 1933. Fehlende Bildung und Geschichtsvergessenheit, ermöglichen dieses Wahlergebnis. Ich schäme mich für die 10 Millionen AFD Wähler. Vor allen für die jungen Wähler .

  4. 22.

    Was habt ihr Grünen denn da in Friedrichshain-Kreuzberg gemacht?
    Muß ich jetzt wegziehen?

  5. 21.

    Die Linken wollen Migration und Mieten durch was erreichen? Sind denn da die Stimmen der Leute weg? Null Möglichkeiten dafür. Ist nicht Mehrheitsfähig. Warum dann die Stimme verschenken?

  6. 20.

    Herr Wegner , CDU und SPD und die Senatsmannschaft sollten den Ruf vernommen haben: wer konsequent an den Wünschen und Bedürfnissen der Berlinerinnen vorbei handelt, wird abgewatscht und abgeschoben. Eine arrogante Politik der vermeintlich stärkeren Randbezirke gegenüber den Bewohnern der Innenstadt zahlt sich nicht aus. Aufträge aus Volksbegehren sind umzusetzen, statt auszusitzen und Berlin ist und bleibt eine Stadt der MieterInnen. Wer das nicht versteht, wird die nächste Wahl zum AG wohl kaum überstehen

  7. 19.

    Die Linke hat in Berlin schon immer Unterstützung gehabt. Jedoch haben viele strategisch lieber Grün oder SPD gewählt. Hier ging es gerade nicht um die Macht in der Hauptstadt sonder um die Macht von der Hauptstadt. In der nächsten Wahl wird das vielleicht wieder anders sein. Man darf hier aber nicht vergessen das durch Kunst und Clubszene gerade in Berlin durch Social Media und Massen an Fußvolk eine starke kurzfristige Mobilisierung möglich war. Wer hilft nicht seinem Nachbarn der vorgibt gerade am Ertrinken zu sein.......

  8. 18.

    Außer das die AfD zu viele Stimmen bekommen hat. Bin ich glücklich über uns Berliner ( ausnahmsweise).

  9. 17.

    Icke als Ur-Berlinerin, 60+, sage DANKE Berlin und freue mich ehrlich, dass die Mehrheit der Wähler in Berlin sich wieder auf Themen besonnen haben, die für diese Stadtdie Bürger WIRKLICH wichtig sind! Danke an die Linken, die sich wieder zusammengerauft und mit Blick nach vorn auf das Wesentliche besonnen haben.
    Die "alteingesessenen", vor Selbstgefälligkeit nur so strotzenden Parteien, haben schon mal einen kleinen Vorgeschmack dessen bekommen, wie die Tendenz bei der nächsten Wahl aussehen könnte, wenn Merz & Co. nicht im Sinne der Bürger liefern. Auch wenn die Linke dieses Mal nur als Zuschauer aus den Reihen der Opposition mitbestimmen darf: Ein erneutes Rumeiern der Regierenden, ein nur auf die eigene Klientel bedachtes Handeln, kann beim nächsten Mal ernstere Konsequenzen nach sich ziehen...sowohl von links als auch von rechts.

  10. 16.

    die ossies wissen was eine DDR ist, die wessies sind dafür einfach zu dumm. die wollen für alles ne Bratwurst.

  11. 15.

    Jetzt kann der #Kriegstreiber & #WahlBetrüger, #FriedrichMerz kann den 3. Weltkrieg einleiten & mit der #SED & den #ÖkoTerroristen, Deutschland noch mehr kaputt machen & die Messer Fachkräfte reinholen, um uns Deutschen weiter töten. Deutschland ihr hattet eure Chance, dieses Land zu retten!

  12. 14.

    Harter Aufschlag in der Realität für die Grünen - einfach die Realität ausschalten und weiter träumen!

  13. 13.

    Es wird sich zeigen in Berlin, wie die Linke an der finanzpolitischen Realität scheitern wird. Große Versprechen trotz mehr Zuwanderungsträume und eine damit fluktuierende innere Sicherheit. Das Geld ist schlicht nicht für Wahlversprechen vorhanden. In 4 Jahren denken deren Wähler - selbst nachgereift - hoffentlich wieder ökonomischer und realistischer. Die Ergebnisse sprechen dann für sich selbst. Es ist ein Unterschied ob man mit vielen Parolen SocialMedia befühlt oder man im echten Alltag diese Parolen auch umsetzen kann. Die exSED hat‘s halt noch drauf mit kommunistischen Kampfsprüchen im realen Kapitalismus ihre Jünger zu begeistern.

  14. 12.

    Autsch. Es ist ein klares Zeichen, dass die "etablierten" Parteien den Osten der Republik verloren haben. Ich gehöre zu denen, die das Ossi/Wessi-Gelaber verabscheuen. Aber Hand aufs Herz, in einigen Punkten wird immer noch differenziert! Und zweiter wichtiger Punkt: Kommunikation mit den Wahlberechtigten. Da haben viele Kandidierende noch Potential. Vielleicht ist das Parteibuch-Denken auch einfach oldschool und es sollte mal endlich mehr um Inhalte gehen?!

  15. 11.

    Wer glaubt, dass die Linke in Neukölln wegen ihres Engagements zur Wohnungspolitik oder der mangelnden Profilierung anderer Parteien gewählt wurde, glaubt vermutlich auch dass Zitronenfalter Zitronen falten.
    Da ist in einem Bezirk, der massiv unter dem Einfluss arabischstämmiger Mitmenschen steht, die Partei gewählt worden, die sich nicht eindeutig auf die Seite Israels stellt. Punkt.

  16. 10.

    Dieser Stadt ist nicht mehr zu helfen. Auch Die Linke hat sie heruntergewirtschaftet.

  17. 9.

    In Berlin West musste man auch nie zum Wehrdienst. Sowas lockte damals wie heute. Ich wünsche den Berlinern eine schöne Zeit zum 1.Mai.

  18. 8.

    Schnell noch wurde die LINKE von den Medien hofiert und ins Parlament gehievt, schlug sie doch den Weg der militärischen Unterstützung der Ukraine mit ein. So konnte der Einzug des BSW verhindert werden, die nur mit ihrem "Friedensgeschwafel" den Weiter-so-Ablauf im Bundestag gestört hätten.

    So machen es nun einfach die "Großen" vor. Berlin und die EU schauen dabei nur erstaunt zu ...

  19. 7.

    Man muss nur in dieser Stadt leben, um zu erkennen, wie links es ist!! Es zählen nur die Zugereisten, die Randgruppen, am besten quer und Ende! Bist du alt und schlimmstenfalls noch "Urberliner" hast du hier verloren!

  20. 6.

    Ob allen Wählern der Linken bewusst ist, dass sie die Nachfolger-Partei der SED gewählt haben?