Interview | Michael Müller - "Die SPD darf ihr sozialpolitisches Profil nicht verlieren"

Mo 24.02.25 | 18:33 Uhr
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Ein SPD-Wahlplakat mit dem Foto von Michael Müller drauf. (Quelle: dpa/Sipa USA)
Audio: radioeins | 24.02.2025 | Autor: Sebastian Voigt | Bild: dpa/Sipa USA

Michael Müller (SPD) hat den Einzug in den Bundestag verpasst. Im Interview mit Radioeins erklärt der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, wie es nun für ihn weitergeht und wie er eine Koalition aus Union und SPD für möglich hält.

Bei der Bundestagswahl hat die SPD ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren. 16,4 Prozent stimmten für die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten - so wenige wie noch nie. Viele Abgeordnete, die bisher im Bundestag sitzen, werden nicht erneut ins Parlament einziehen. So auch der ehemalige Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller.

In seinem Wahlkreis Charlottenburg Wilmersdorf unterlag Müller dem CDU-Kandidaten Lukas Krieger. Weil er nicht auf der Landesliste stand, wird er nun nicht wieder in das Parlament einziehen.

rbb: Herr Müller, sie gehören zu denjenigen, die die Niederlage der SPD persönlich zu spüren bekommen, denn Sie scheiden aus dem Bundestag aus. Wie erklären Sie sich die Niederlage ihrer Partei?

Michael Müller: Dieses Ergebnis ist eine Katastrophe, die man sich nicht schönreden kann. Es ist in mehrfacher Hinsicht auch eine Abrechnung mit allen Ampel-Partnern. Alle drei Parteien haben Stimmen verloren. Die FDP ist sogar rausgeflogen. Es ist glaube ich auch die Quittung dafür, dass viele Wählerinnen und Wähler das Gefühl hatten, dass ihre Themen nicht im Vordergrund stehen, sondern dass man sich mit sich selbst beschäftigt. Und das ist dann nicht das Ergebnis der letzten Wochen, sondern auch das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses.

Die Linke hat stark gewonnen, in Berlin ist sie sogar stärkste Kraft geworden. Sie haben jetzt gesagt, die Wählerinnen und Wähler haben das Gefühl, ihre Themen werden bei der SPD nicht angesprochen. Die Linke hat Wahlkampf mit sozialen Themen gemacht, mit steigenden Mieten zum Beispiel. Warum hat Ihre Partei diesen sozialen Wahlkampf nicht hinbekommen und verschlafen?

Ich glaube, die Linke hat aus mehreren Gründen sehr gut abgeschnitten. Einerseits endlich diese Befreiung von Sahra Wagenknecht, von diesem ständigen innerparteilichen Streit. Andererseits ein tolles personelles Angebot aus jungen kreativen Leuten und älteren, erfahreneren Leuten wie Gregor Gysi und seinen "Silberlocken"-Partnern.

Und dann natürlich auch die sozialen Themen. Die haben wir natürlich auch im Programm gehabt und wir haben beim Wohnungsbau und beim Mietenstopp genauso argumentiert wie die Linken, aber es wird eben von einer Regierungspartei, von der Kanzlerpartei, dann auch mehr erwartet. Es wird erwartet, dass aus diesen Ankündigungen tatsächlich konkrete Schritte folgen. Aber zu vermitteln, dass man in einer Koalition eben auch oft blockiert wird, ist einfach verdammt schwer.

Zur Person

Michael Müller, Direktkandidat der SPD für Charlottenburg-Wilmersdorf für die Bundestagswahl 2025. (Quelle: dpa/Sebastian Gollnow)
dpa/Sebastian Gollnow

Michael Müller

ist seit mehr als 40 Jahren SPD-Mitglied. Er war im Abgeordnetenhaus und im Bundestag als Abgeordneter vertreten. Außerdem bekleidete Müller das Amt des Senators für Stadtentwicklung und Umwelt. Von 2014 bis 2021 war er Regierender Bürgermeister von Berlin.

Jetzt läuft wohl alles auf eine Koalition aus Union und SPD hinaus als zukünftige Regierung. CDU-Chef Friedrich Merz würde gern das Bürgergeld abschaffen. Wie soll denn Ihre Partei in so einer Koalition soziale, vielleicht sogar linke Politik machen?

Jetzt kommt es darauf an, dass beide aufeinander zugehen. Wir brauchen nun eine stabile und hoffentlich auch eine schnelle Regierungsbildung. Wir werden sicherlich Kompromisse machen müssen, auch in diesen Themen, die der CDU wichtig sind. Und umgekehrt haben wir ja auch Dinge, die uns wichtig sind. Da ist zum Beispiel die Auflösung oder Reform der Schuldenbremse. Auch da wird man jetzt Kompromisse finden müssen, und die SPD darf natürlich nicht ihr sozialpolitisches Profil verlieren, denn das ist der Kern der sozialdemokratischen Partei.

Ich glaube es war auch ein Fehler, dass wir in der zurückliegenden Zeit oft gedacht haben, dass wenn wir uns nur um die linken und sozialen Themen kümmern, alles gut und richtig ist und das dann auch entsprechend honoriert wird. Nein, eine Volkspartei muss einen anderen Anspruch haben und auch die Themen, die vielleicht nicht immer nur gut und schön sind, genauso beackern.

Sie sind nicht mehr im Roten Rathaus, nicht mehr im Abgeordnetenhaus und nun auch nicht mehr im Bundestag. Ist ihr Leben als Politiker dann ab heute vorbei oder was machen Sie in Zukunft?

Ach, ich habe keinen Plan B. Es war wirklich großartig, was ich für Aufgaben hatte. Es war mein Leben. Ich bin seit 42 Jahren Sozialdemokrat und werde es bleiben. Aber natürlich ist jetzt diese professionelle politische Zeit eben vorbei. Ich werde ein aktiver und politischer Mensch bleiben und mal gucken, was kommt.

Wurmt es Sie auch ein bisschen, dass jetzt Friedrich Merz vielleicht das Tempelhofer Feld bebauen wird? Denn das war eine der Sachen, in der er sich mit Olaf Scholz im Wahlkampf sehr einig war, und auch Sie wollten das ja immer durchsetzen.

Ja, aber das sagt ja nun auch die Berliner SPD, dass wir das Feld auch nutzen müssen. Das ist ein Berliner Thema, damit werden sich jetzt die Zuständigen in Berlin auch noch mal intensiv auseinandersetzen müssen. Die Wohnungsnot beziehungsweise der Wohnungsbau und die Mietenentwicklung ist ein entscheidendes Thema für viele.

Der Bau gehört dazu und dann muss man Widerstände auch mal überwinden. Wenn es so ein dringendes Thema ist, dann muss man solche Dinge wie das Tempelhofer Feld eben mitnutzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Max Ulrich und Caro Korneli für Radioeins.

Sendung: Radioeins, 24.02.2025, 15:15 Uhr.

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23 Kommentare

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  1. 23.

    Die SPD hat m. E. die Wahl zwischen einer Regierungsbeteiligung (mit einem damit zwingend verbundenem weiterem Verfall der Partei bis hin zur Bedeutungslosigkeit)oder eine echte inhaltliche+personelle Erneuerung und Neuausrichtung in der Opposition. Nur nach einer Erneuerung wird sie 2029 noch ein relevanter politischer Faktor sein können.

  2. 22.

    Sie sind sich aber im klaren darüber, was das für Deutschland bedeuten würde?

    Eine Koalition CDU/AfD die keiner will, auch wenn es nach Zahlen, die logischste Koalition wäre. Für das Land wäre es aber ein GAU.

    Und es ist nunmal so, wenn man als schlechter bewertete Partei in eine Koalition geht, hat man halt weniger Ansprüche als wenn man die Nr.1 wäre, fragen sie mal die Grünen/FDP zu den letzten drei Jahren ;-)

    Konsequenz also Neuwahlen? Das sollte sich die SPD wirklich überlegen. Davon abgesehen wird die AfD wahrscheinlich 2029 dann die Regierung bilden wenn es so weitergeht in diesem Land.

  3. 21.

    Soziale Missgunst scheint erschreckend gut anzukommen, anders ist das Wahlergebnis nicht zu erklären. Weder die CDU noch die Grünen geschweige die AfD haben die Absicht Menschenwürde sicherzustellen, indem Existenzgrundlagen keine Druckmittel mehr sein dürfen. Keine Partei ist im digitalen, automatisierten Zeitalter angekommen, gewillt eine Lösung und Annahmebereitschaft zu finden, das Lohnarbeit nicht mehr in der Menge gebraucht wird, wie es Menschen gibt. Von Reinigungskräften, die in großen Räumen von Wischrobotern ersetzt werden, bis zu Softwareentwicklern, die durch KI ersetzt werden... das ist heute schon der Status Quo. Qualifikation ist kein Garant auf sichere und langfristige Nachfrage dessen.

  4. 20.

    Ein Volksentscheid der älter als zehn Jahre ist...wie lange soll der denn bitte Gültigkeit haben? Ich bin froh, dass in unserer Demokratie öfter gewählt wird. Und die Rahmenbedingungen in Berlin haben sich seit Mai 2014 durchaus geändert. Fragen Sie mal die Mieterinnen und Mieter, um wie viel sich ihre Miete seitdem erhöht hat. wir brauchen mehr Wohnraum und das Feld ist groß genug einen Teil davon zu bebauen, z.B. mit sozialem und genossenschaftlichen Wohnungsbau.

  5. 19.

    Man muss Widerstände überwinden. Also den Volksentscheid?

  6. 18.

    Die SPD hat überhaupt gar kein sozialpolitisches Profil, das sie verlieren kann. Oder halten Sie die derzeitige Politik der SPD, die primär die Interessen von Asylbewerbern und Arbeitssuchenden vertritt, für erstrebenswert?

  7. 17.

    Wenn die SPD in Berlin jetzt weiter nach links rutscht, kann sie sich gleich in die Linkspartei hinein auflösen.

    Es braucht wieder echte SPD-Realpolitil für diese Stadt.

  8. 16.

    Wahr ist: Die SPD WIRD ihr sozialpolitisches Profil verlieren, wenn sie in eine Koalition mit Merz eintritt. Die SPD muss in die Opposition, um sich zu erneuern. Sonst ist die SPD in 4 Jahren bedeutungslos.

  9. 15.

    Wie wäre es, wenn die SPD wieder zum Godesberger Programm zurückkehrt und sich aktiv für Arbeitnehmer einsetzt?

    Meint Herr Müller, dass eine Belastung der Arbeitnehmer mit höheren Sozialausgaben, die ihre Ursache im von der SPD zu vertretenen Bürgergeldgesetz haben (Nicht kostendeckende Pauschale für die GKV), dem Krankenhausreformgesetz, dessen Kosten alleine die GKV tragen und nicht auch die Privaten, die Nichtrückzahlung der aus den Pflegekassen entnommen Gelder für Corontests umd -impfungen, was zur Steigerung der Pflegeversicherung führte, sei angemessen für eine Partei die vorgibt Arbeitnehmerinteressen zu vertreten? Wenn er das mit sozialpolitischem Profil meint, dann kann er direkt zu den Linken wechseln! Das ist keine Sozialpolitik, dass ist Ausbeutung der Arbeitnehmer!

  10. 13.

    Mitnichten! Denn Verleumdung und Beleidigung einer person im Internet, sind strafbar! Für jeden, auch für Sie!

  11. 12.

    Die SPD ist durch ihren Linksruck in die baldige Bedeutungslosigkeit gerutscht. Die Verursacher sind nicht mehr präsent, jetzt sollte wieder Realpolitik folgen. Die demokratische Mitte ist unsere einzige Chance, vernünftige Lösungen für unsere Probleme zu finden. Ideologie, Fanastismus, Aktivismus, Populismus führen uns nicht zur Lösung, sondern lenken von den Problemen ab.

  12. 11.

    Herr Müller, mit Rot, Rot und Grün hatten Sie lange regiert, Ausgaben ohne Ende, immer mehr Auflagen was durch Grüne schon beim Bauen verursacht wurde. Es werden nur Wohnungsgesellschaften statt Genossenschaften bevorzugt, die eher sozialer sind. Da läuft sehr viel falsch in Berlin auch bei Migration, Clans und, und, dazu das Geld nur ausgegeben wird. Man kann nur das Ausgeben was man einnimmt und München hat nicht so viele Theater wie Berlin, das muss man mal sagen, nicht mehr möglich. Ich freue mich, wenn der Länderfinanzausgleich zu Lasten von Berlin geht. Ein oder 2 Theater weniger geht, aber bei Kindern und Jugendlichen darf nicht gespart werden. Wo sind die teuersten Wohnungen in Friedrichshain/ Kreuzberg Oankow und Mitte, wer regiert da, Grün.

  13. 10.

    Es fehlt nur der Nachwuchs.Auch der jetzige Chef und seine Co sind für das einmalige Desaster verantwortlich und
    sollten schleunigst zurücktreten.Alles andere ist unglaubwürdig für einen Neuanfang.Bloß Wer soll verantwortliche Posten übernehmen??
    Vielleicht in der Provinz umschauen,da gibt es talentierte Unbekannte.

  14. 9.

    Nee, ich glaube das war Robert, der sowas veranlasst hat.

  15. 8.

    Das sozialdemokratische Element fehlt schon lange, daher geht es bergab.

  16. 7.

    Hat Müller nicht Macht missbraucht, indem er einer Person, die etwas über ihn im Internet gepostet hatte, die Polizei vorbeigeschickt und eine Hausdurchsuchung veranlasst hat, was völlig überzogen und nicht gerechtfertigt war? Vielleicht sollte man daher bei der SPD lieber den eigenen Größenwahn und kastenbezogenen, dummes Benehmen im Blick haben? Fänd ich besser als nicht (mehr) vorhandene Sozialdemokratie und/oder Sozialpolitik. Das eine ergibt sich ja aus dem anderen.

  17. 6.

    Welches Profil?

    Scholz klebt an seinem Stuhl und keiner in der Partei hatte den Mut es ihm zu sagen, das es nicht gutgehen wird und dann mit Klingbeil/Esken weitermachen? Das überzeugt doch keinen!

    Und machen sie es wie die FDP und regieren nicht mit, muß Merz die AfD nehmen, was der SPD auch nicht gut tun wird.

  18. 5.

    Alter, wo hast du das alles her, was du hier verbreitest?
    Gut, der Müller war und ist ein Bedeutungsloser, der in den viel zu großen Fußstapfen von Wowereit versunken ist.
    Der ist auch an dem Untergang der SPD in Berlin beteiligt

  19. 4.

    Das Wahlergebnis in Berlin zeigt die Unzufriedenheit der Wähler mit den sogenannten Parteien der Mitte, gerade auch in der Innerberliner Politik.
    Glücklicherweise haben die Wähler nicht in der AfD ihre Rettumg gesehen
    So ist es nur konsequent,dass die Linke in ganz Berlin zur beliebtesten Partei wurde
    Offensichtlich sprach sie Themen an,die den Berliner Bürgern auf den Nägeln brennen,von Krieg über Heizkosten bis zu umweltfreundlichen öffentlichen Verkehr.